Die Zeitwaisen

Die Zeitwaisen

Textlich Bildlich Klanglich Denklich

Worthinnig im Flirrlicht Platanischer Rochen

D i e  P a r a f i n d e r

KommTier! | Auf | |

Die imperative Hypothese des kategorischen Pfeifenbläsers

In einem Café mitten in Berlin, das Moleskine Notebook aufgeklappt auf dem Tisch vor der raumhohen Verglasung, den Stift in der einen Hand, die Tasse Cappuccino in der anderen. Nahezu salzloses Wasser fließt meinen Oberkörper hinunter, in einer Menge, die in keinem Verhältnis steht, zur relativ trockenen, luftgekühlten Haut der letzten zweieinhalb Stunden, der letzten 45 km im Sattel bei 38 Grad im Schatten – der Bereich zwischen Sattel und Ritze nicht eingerechnet – und einer zur Hälfte über meinem Kopf entleerten Flasche Wasser. Die Luft ist kühl, der Kaffee ist heiß. Auf der anderen Seite der Glasscheibe, nur wenige Meter entfernt von hitzeresistenten, im schwülen Freien weilenden Gästen, erhebt sich eine Baustelle im Schatten des Papstes Rache. Im Blickfeld streichelt eine Frau zärtlich, rhythmisch die auf ihrem Tisch liegende Tastatur. Sonntagabend. Die Stadt scheint menschenleer. Flucht vor der Hitze oder dem vorgewarnten Sturm, der jedoch nicht kommen mag, oder der letzten Fallout Warnung, die mir entgangen ist. Im Hintergrund spielt Bowies „The man who sold the world“. Rechts neben mir nimmt ein junger Mann in himmelblauem Stretch-T-Shirt Platz, verkabelt mit obligatem Ohrhörer, vertieft in seinen smarten Identitätsscanner, den er vor sich ablegt; kein Getränk für ihn. Das wässrige Sekretieren lässt langsam nach. An der Innenseite meiner eben noch vollen Tasse hängen ein paar wahrscheinlich leckere, aber kaum erreichbare Milchschaumreste. Spricht der junge Mann zu seinem Apparat? Ein kurzes Vibrieren erfasst den, sich über die gesamte Länge der vollverglasten Caféfront erstreckenden Stehtisch. Der Junge, in Richtung Vibrator gebeugt, scheint diesen tatsächlich immer wieder kurz anzusprechen. Links und rechts hinunter am Tisch entlang verteilt, stieren sieben der zwölf dort gebeugt Weilenden auf ihre handlichen Befriediger. Am Tisch neben der zärtlich fingernden, auf eine flickernde Oberfläche vor sich hin starrenden Frau, unterhalten sich tonlos drei Frauen, während sie, ihre Schminkgeräte fixierend, auf diesen herumgesteln. Die Welt hat definitiv an Faszination gewonnen. Die Menschen sind informierter, gesünder, fitter, glücklicher, zufriedener, sie leben länger, haben mehr freie Zeit, zeugen mehr Nachkommen? Zugegeben, nicht alle Menschen, nicht all dies in gleichem Maße. Mehr oder weniger auf Kosten derer, die nicht gesünder und zufriedener länger leben, doch nicht weniger, wenn nicht noch mehr Nachkommen zeugen?

Prinzipiell steht es jedem frei, nachhaltige Produkte aus fairem Handel, statt kurzlebigem Ausbeutergut zu erwerben und zu verwenden, sich für ein auf Nachhaltigkeit bedachtes Finanzinstitut zu entscheiden, anstatt für ein rücksichtslos Investierendes, ja innerhalb der Stadt gehend, die eigenen

KommTier! | Auf | |

Paranoia

„Die ideale, effektive Kontrolle hätte den Kontrollierenden immer mindestens zwei Schritte vor dem Kontrollierten, außerhalb der Wahrnehmung.
Sie wäre zudem effizient, wenn es ihr gelänge dem Kontrollierten genau dies Glauben zu machen.
Die Realität ist schneller als die Wahrheit.“


Dr. paed. Klaasen v. Grust, „Die Legende vom paranoiden Androiden auf dem schwarzen Block“, ask. 2113

KommTier! | Auf | |

Ausgeliefert

„Die Strukturierung dieser Gesellschaft an und für sich, die Organisation von Arbeitszeit und die Organisation von Freizeit, die obligate Organisation des gesamten Lebenslaufs, die omnipotent monetäre und somit letztendlich institutionelle Abhängigkeit, all dies sind Instrumente der wohlwollenden Entmündigung, Unterdrückung und Lenkung par excellence.“


Richard Kaste II, „Ad libitum, Leben ist keine Option“, out. 2039

KommTier! | Auf | |

Schlachtvieh

„All diese Kontroversen um Wirtschaft, Finanzen, Recht, Glaube und Gesetz, sie sind Scheingefechte.

Tatsächlich ist da kein Unterschied, je nach welchem System ich Werte, Vorstellungen, Dinge, Menschen und andere Lebewesen in Bezug zum System und zueinander setze, kann da kein Unterschied sein, wird faktisch deren Wert, Essenz und Manifestation nicht wirklich tangiert; nur scheinbar.

Wahr ist jedoch, dass diese Relationen und Systeme ebenso zu Werten geworden sind, geworden wurden; Werte, die sich ausschließlich selbst referenzieren, Scheinwerte.

Allein deren Erhalt ist von Belang, und somit der Erhalt des Einflusses derer, die von diesen Relationen und Systemen profitieren, zu profitieren meinen, von dieser leicht kontrollierbaren und steuerbaren imaginären Welt, deren Ausbau, spätestens begonnen mit der Einführung wertloser Tauschmittel, seit längerem im vollen Gange ist, deren Erhalt und Ausbau sich das Schlachtvieh im Hamsterrad, willig grunzend die Maschinerie der Bedürfnisbefriedigung antreibend, zweifelsfrei nach wie vor unterordnet.“


Kai Selkruck, „Die immanente Psychologie transzendenter Wahrheit“, gru. 2053

KommTier! | Auf | | |

teich

die forelle durchs nasse feuchte fleucht
der bieber bibbernd mit dem schwanze keucht

libellen lispeln lieblich im sonnenschein
quappen schwappen qualvoll ins land hinein

treibend bloß nur vom trieb getrieben
sich gleitend durch warme säfte wiegen

unter sämig tang schlingernder schlingen
unverhüllt leben umeinander ringen

in tiefem dunkel klamme kälte triefend
vergeblich stoßend sich ergießend

eng umgliedert leid erstaunter leere
entkommt ein letzter puls der schwere


regungslos gelöst erlöst
nur die stille bleibt

und befreiter wille
.

KommTier! | Auf | | | |

Die sieben Grundlagen meiner Abstrakten Fotografie

in: Abstrakte Fotografie — BerHWolf
Handgetanzt — Sinnliche Eigenwelten – Fragmente der Wirklichkeit

BerHWolf – No. 48, The Big Bunny Truce BerHWolf – No. 48, The Big Bunny Truce

1.

Die zu fotografierende Situation, das Motiv, ist nicht inszeniert.
Die Situation, das Motiv, wird für die Fotografie nicht manipuliert.
Das Fotografieren selbst ist die Inszenierung.

2.

Die Kamera, eine DSLR mit geeigneter Größe, Gewicht und Technik, wird in einer, oder mehreren, komplexen, sehr schnellen, durch das Motiv und die Beziehung zum Motiv motivierten (sic) Bewegung, frei mit der Hand geführt.
Der Bezug zum Motiv wird weder über den Sucher noch einen Monitor, sondern mit bloßem Auge hergestellt.

3.

Die Parameter und Automatiken der Kamera sind derart manipuliert, dass die Kamera, bestmöglich für diese Art der Fotografie, im passenden Moment scharf stellt, auslöst, belichtet und aufzeichnet.
Die effektive Belichtungszeit liegt bei maximal einer Sekunde, meist weit darunter.
Für jede einzelne Fotografie wird nur einmal ausgelöst.

4.

Das ursprüngliche, nicht flüchtige Motiv, die Situation, muss durch die Fotografie vollständig chiffriert, aufgelöst, abstrahiert werden.
Das ursprüngliche Motiv darf nicht mehr zu dechiffrieren sein. Das ursprüngliche Motiv wird zerstört.
Es dient nur als Ausgangsmaterial für das, duch die Aktion der handgeführten Kamera erst zu erzeugende, neue, temporäre Motiv.

5.

Das Ergebnis dieser Destruktion und Transformation muss dem Betrachter dennoch bildlichen, assoziativen Halt geben.
Trotz der nicht vollständig bestimmbaren Verhaltensweise der Kamera und der durch die Bewegung erzielten Belichtung während der Fotografie, darf die Fotografie selbst keine zufällige oder beliebige Komposition zeigen.
Im Gegenteil muss die Komposition das neue Motiv gezielt, klar und bewusst in den Vordergrund stellen.
Schon vor der Fotografie existiert eine Vorstellung von diesem neuen Motiv, welches wiederum der Auslöser war, genau diese Situation überhaupt auszuwählen (s.a. 2.).

6.

Unter den zahlreichen, in einem iterativen, rückkoppelnden, nur der Digitalfotografie möglichen Prozess aus Bewegung, Aufnahme, Grobkontrolle der Aufnahme an der Kamera, Optimierung der Bewegung, etc., entstehenden Aufnahmen eines Motivs, wird also diejenige Fotografie ausgewählt, welche den Anforderungen aus 4. und 5., sowie meinem Empfinden für Ästhetik und Gestaltung, am deutlichsten entspricht.

7.

Die RAW Aufnahme wird, wie in der klassischen analogen Fotografie, durch Optimierung von Schärfe, Farbe, Kontrast und Helligkeit, auf das Empfinden der erinnerten Situation hin digital entwickelt.
Die Aufnahme wird nicht, weder digital noch analog, durch Ausschnittveränderung, Verkleinerung, Montage, Entzerrung, Farbersetzung, Filter, etc., etc., etc. ... manipuliert.
Die entwickelte Fotografie entspricht unverändert der vom Kamerachip aufgezeichneten Geometrie und Komposition im Rahmen der Relationen des aufgezeichneten Farb- und Kontrastumfangs.
Ein Abzug der Fotografie wird von mir einmalig als Giclée mit UltraChrome HDR Pigmenttinte auf Photo Rag Baryta Papier angefertigt.


Der vollständige Prozess kann also beschrieben werden, als der von einer optisch destruierenden und transformierenden Aufzeichnung einer statischen, analogen Situation, mittels der analogen, einmaligen und nicht zu reproduzierenden Bewegung des bildgebenden digitalen Mediums im Raum, und somit ein prinzipiell beliebig manipulierbares und vervielfältigbares Abbild in der digitalen Domain erzeugender, dieses Abbild jedoch wieder optisch unverändert in die analoge Domain, einer einmaligen Ausgabe auf analogem, physisch fassbarem Material, transformierender Prozess.

Vom Sein (Encapsulated Onset)

in: Xi spricht Xi

Xabu Iborian | Vom Sein (Encapsulated Onset) KommTier! | Auf | |

Xabu Iborian spricht seine Lyrik.

Bewegt. Verklangt. Vor abstrakter Fotografie.


Sound & Vision: 03 2013 Xabu Iborian

Text:
Xabu Iborian
Vom Sein
im Dunkel
Tönenden Schmerzens
Laut Hals
Gebärender
Stein Fliesen
Schnellen
Zäh Flüssig
Benetzte
Vaginen
Smaragd Grüne
Föten
Kristallin
zu Eis
Geschmolzenen
Strahlen
Dreier Sonnen
vom Überschall
Geblendeter …

Vom Sein

Fotografie:
Xabu Iborian: No.9 – Encapsulated Onset
Encapsulated Onset


Weitere Stimme: Mister X
Ambience: TXL, U-Bahnhof Walther-Schreiber-Platz, ein Café in der Schloßstraße

Schwarz Weiß (Soothing Depths below Shallow Aerial)

in: Xi spricht Xi

Xabu Iborian | Schwarz Weiß (Soothing Depths below Shallow Aerial) KommTier! | Auf | |

Xabu Iborian spricht seine Lyrik.

Bewegt. Verklangt. Vor abstrakter Fotografie.


Sound and Vision: 01 2013 Xabu Iborian

Text:
Xabu Iborian
Schwarz Weiß
Großer Raum
Weiß
Eine Bank in der Mitte
im Kreis
zwei Tischchen
Dunkel
gegenüber dem Spiegel
vier Blumen
rot
grün
blau
blass
verdorrt
Ein Gesicht
mit
Lachen
davor
streicht die Hand über
vom Schein
verdeckte Silbrigkeit …

Schwarz Weiß

Fotografie:
Xabu Iborian: No.28 – Soothing Depths below Shallow Aerial
Soothing Depths below Shallow Aerial

Suche