Die Zeitwaisen

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Radix | Berlin–Dingle–Avranches 2017

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Berlin–Dingle–Avranches 2017

Ramsey–Fyfield, Samstag 3. Juni

in: Berlin–Dingle–Avranches 2017
Ramsey–Fyfield, Samstag 3. Juni
Reisen, Radreisen

-7:46-

Am Morgen auf dem Zeltgarten hinter dem Pub „The Castle“ in Ramsey, kurz vor der Abfahrt.

Die Temperatur liegt deutlich unter der auf dem Festland. Ade T-Shirt und dünnes Kapuzenshirt. Schlüpfe in den etwas dickeren Kapuzenpulli, der sich schon letztes Jahr in Schottland hervorragend getragen hat. War dort das erste Mal mit Merino Klamotten unterwegs und möchte sie nicht mehr missen.

Komme während des Frühstücks mit dem Zeltnachbarn ins Gespräch und wir unterhalten uns über unsere Räder, Zelte, Zubehör und unsere Touren. Er sei seit ein paar Tagen in entgegengesetzter Richtung unterwegs, Richtung Polen, komme aus Manchester. Nicht die erste Tour, die er fahre.

Mit seinem Hilleberg zwei Personen Tunnelzelt, etwas größer und geräumiger als der eine Person Exped Sarg, sei er sehr zufrieden. Knapp 3 kg bringe es auf die Waage. Liebäugle für die nächste Tour ebenfalls mit einem etwas größerem Zelt, da der Zeltsarg zwar schön leicht ist und für die Nächte ausreicht, aber für längeres Verweilen, z.B. tagsüber bei Regen, Regen, Regen, zu lütt scheint. Das heißt, bequem lässt sich drinnen nicht wirklich viel machen, auf Grund der geringen Innemaße und der speziellen Kubatur. Das Hilleberg hat was. Fahre andererseits meist auch bei Regen, Regen, Regen, wenn er nicht Tage ohne Ende fällt.

An unseren Rädern haben wir die gleichen Bremsen, die gleichen Pedale und die Rohloff. Auch er sei mit den Teilen zufrieden. Ihm gefalle das Argos aber auch insgesamt sehr gut, und er meint, vielleicht brauche er mal wieder ein neues Rad, um dann gleich festzustellen, dass er mit seinem aktuellen Rad doch wunderbar zufrieden sei und rein rational kein Grund vorhanden sei, ein neues Rad aufzubauen. Kann ihm nur zustimmen. Dann zeigt er auf seine Schuhe und erklärt, dies seien die besten zum Radfahren mit Cleats, das Vorgängermodell sei aber noch nicht so gut gewesen. Gibts nicht, trägt der Mann auch noch die gleichen Schuhe, und aus dem gleichen Grund, gute Passform für breite Füße. Einziger Nachteil der Schuhe sei, dass sie schnell anfangen würden zu riechen. Er ist allerdings barfuß darin unterwegs. Früher ebenfalls gemacht. Schwitze aber recht gut am Fuß und schwimme dann mehr oder weniger im Schuh, deshalb seit längeren nur noch mit dünner Merinosocke. Trockener Fuß bei heißestem Wetter, und zu kühl wird die Konfiguration auch erst wenige Grad über dem Gefrierpunkt.

Allein letztes Jahr in Schottland, nach einer Tagstrecke auf dem Rad in strömendem Regen ohne Regenüberzieher, und weiteren sehr feuchten Tagen, so dass die Sandalen nicht wirklich trocknen konnten, fingen sie an etwas zu müffeln. War damals warm genug, und hatte an diesem Tag keinen Bock auf den Regenschutz, dachte immer wieder, ach, das hört doch eh gleich wieder auf. Nach fünf Stunden wars dann egal. Aus dem gleichen Grund ohne Regenjacke weiter gefahren, zu bequem zum umkleiden, nur diese schwere, wasserabweisende, winddichte Trekkingjacke über, die sich mit der Zeit vollsog und von innen zwar leicht feucht wurde, aber erstaunlicherweise kein Wasser durchließ. Musste wahrscheinlich nur 2 Kilo mehr mit rumschleppen. Ohne Regenhose ging allerdings nichts. Schweife ab.

Gegen das Müffeln in den Schuhen hilft übrigens im Vorfeld appliziertes Achselspray ausgezeichnet, zumindest das Weleda Salbei.

Zeit und Wetter reichen nicht zum Trocknen des Zeltes, also bestmöglich das Wasser abgeschüttelt und nass eingepackt, die erdignassen Heringe fix vom gröbsten befreit und separat verpackt.

Radix | Berlin–Dingle–Avranches 2017

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Berlin–Dingle–Avranches 2017 – Ramsey–Fyfield, Samstag 3. Juni – 57

in: Berlin–Dingle–Avranches 2017
Ramsey–Fyfield, Samstag 3. Juni
Reisen, Radreisen

-10:23-

Fluss Colne bei Colchester. Auf dem Wivenhoetrail, Capitals Route - part United Kingdom (England 1), Blickrichtung „Hythe Quay“.

Glück gehabt, das Wetter ist nicht weiter deterioriert, Sonne und blauer Himmel zeigen sich immer öfter.

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Berlin–Dingle–Avranches 2017 – Ramsey–Fyfield, Samstag 3. Juni – 60

in: Berlin–Dingle–Avranches 2017
Ramsey–Fyfield, Samstag 3. Juni
Reisen, Radreisen

-11:57-

Mittagspause an einer Wegkreuzung auf der Capitals Route – part United Kingdom (England 1), kurz hinter dem „Roman River“, zwischen „Cook’s Wood“ und „Chest Wood“. Die Sonne knallt und ein leichter Wind weht durch die warme Luft.

Zwei große, langhaarige, reitende Reiterinnen in voller Reitermontur on tour, reiten auf großen Reiterpferden gemütlich langsam des Weges, lächeln und grüßen. Etwas später – habe fast alles aufgefuttert –, fährt aus Richtung des Gatters eine untersetzte, behäbig wirkende, kurzhaarige Frau mittleren Alters auf einem relativ kleinen Fahrrad vor. Quer stehend stoppt sie ein paar Meter entfernt, bleibt jedoch im Sattel, Füße platt auf dem Boden, Blick nach vorne. Sie wirkt ein wenig außer Atem, als sie zu sprechen beginnt, scheint nur vor sich hin zu reden und guckt auch nicht herüber. Verstehe nicht wirklich was sie sagt. Schließlich fährt sie nach rechts weiter.

Spaziere um das Argos herum, verdaue, und sinniere immer noch über die mit sich selbst sprechende Frau, spaziere nochmal drumherum, gucke genauer und bleibe hinter dem Hinterrad stehen. Da stimmt doch was nicht. Das Schutzblech sitzt anscheinend außermittig. Nochmal genau schauen, nein, nicht das Schutzblech sitzt außermittig, sondern das Rücklicht am Gepäckträger. Häh? Nein, nicht das Rücklicht, sondern der ganze Gepäckträger sitzt außermittig. Aber wie das denn? Rüttel dran und glaubs nicht, die linke Seite ist komplett locker. Gehe in die Knie und kontrolliere die Befestigung im Bereich Ausfallende. Wo ist denn die Schraube hin? Ne jetzt, oder? Seit wann ist die denn weg? O.k., während hartem Anfahrens und über Holper, knarzte und knackte das Fahrrad heute etwas stärker als üblich bei heißem Wetter. Die ausgezeichnete Eigenschaft als glockenklarer Klangkörper, ist eine Eigenart dieses Rahmens. Nichts weiter dabei gedacht. Tumber Ignorant. Erstaunlicherweise hat die Befestigung rechterseits das Gewicht von etwas über 17 kg klaglos über rüttelnde Wald- und Wiesenwege getragen auf den zurück liegenden Kilometern.

Was nun? Passenderweise keine Tüte Ersatzschrauben mitgenommen. Letztes Jahr in Schottland im Gepäck gehabt, aber nicht benötigt, zumindest nicht fürs eigene Fahrrad, die Reisepartnerin war allerdings froh. Diesmal gedacht, Gewicht und Volumen sparen wo es nur geht, bleibt also zu Hause. Tolle Entscheidung. Was jetzt? Bis zum nächsten Radladen oder Tankstelle wird der Träger wohl noch halten, wenn er bis jetzt gehalten hat, aber kein schönes Gefühl, mit dem Wissen um den Mangel. Und selbst wenn, fraglich, ob die eine passend kurze Schraube hätten. Tapen bis sich was passendes findet?

Fummele grummelnd am Gepäckträger rum, als prompt die gedrungene Frau auf ihrem scheinbar kleinen Fahrrad erneut vor fährt. Sehe sie nur aus dem Augenwinkel. Sie bleibt stehen wie zuvor, spricht erneut zur Luft, steigt dann jedoch komplett ab, weit weniger behäbig als vermutet, und blickt herüber.

Any problems? Everything o.k. with you? Und wir kommen ins Gespräch. Erzähle von meinem Missgeschick und sie bietet an, ein paar Schrauben von zu Hause zu holen, ich solle nur kurz hier warten. Kann das natürlich nicht annehmen. Wenn sie keine passende Schraube habe, sei sie umsonst hin und her gefahren. Denke dabei auch, wer weiß wie weit weg sie wohnt und wie lange sie benötigt für die ganze Strecke. Würde ungern eine halbe Stunde oder länger warten. Nein, nein, sie wohne gleich in der Nähe, nicht weit weg, würde nicht sehr lange dauern, würde bestimmt eine passende Schraube dabei sein. Bin inzwischen aber schon auf der Suche nach einer entbehrlichen Schraube am eigenen Rad. Die abgedeckten Bremssockel sehen gut aus. Kommentiere mein Tun währenddessen der Frau gegenüber und sie bringt ihre eigenen Ideen und Kommentare ein, immer wieder mit dem Angebot verbunden, doch schnell nach Hause zu fahren und mit ein paar Schrauben zurück zu kommen, kein Umstand, mache sie gerne. Wahrscheinlich wäre es sinnvoller, sie zu begleiten. Die Schraube vom Sockel passt natürlich nicht; gleich beim Herausschrauben erkannt.

You can try one from my bike? Kann so viel Hilfsbereitschaft kaum fassen und klares Denken fällt immer schwerer. Lehne erst ab, das ginge doch nicht, etc.. Aber sie ist schon am Suchen und meint, die Schrauben der Trinkflaschenhalterung würde sie aktuell nicht benötigen, da sie noch nicht dazu gekommen sei diese zu anzubringen, das Fahrrad sei noch neu. Nach ein wenig hin und her – offenes Gewinde, eindringendes Wasser, das könne sie zu Hause doch aber gleich wieder in Ordnung bringen, Ersatzschraube rein drehen, kein Problem – ist alles gesagt. Schraube die Schraube samt Unterlegscheibe heraus und gebe sie ihr zum halten. Schwups, bückt sie sich auf der Suche nach der Unterlegscheibe, nein oh nein, wie habe ihr das nur passieren können, und sucht im wild wucherndem Gras. Suche ebenfalls, aber nichts mehr zu machen. Sei ihr sehr unangenehm, kann sie beruhigen, nicht nur ihr, sei quasi Schuld am Verlust ihrer Unterlegscheibe. Schräge Situation, ist doch nur eine simple Unterlegscheibe. Dennoch sind wir beide sehr bekümmert. Ihre Schraube passt zwar ins Gewinde, ist aber zu lang, wäre wahrscheinlich auch mit Scheibe zu lang. Warum zu lang? Weil unten am Rahmen die Gewindebohrung für den Gepäckträger auf ihrer Innenseite vom verschiebbaren Ausfallende abgedeckt ist. Nicht ganz optimal gelöst vom Herrn Konstrukteur.

Langsam klärt sich der Kopf. Trinkflaschenhalterung. Rahmenschrauben. Am Argos sind die Bremskabel doch mit diesen kleinen Schraubschellen befestigt. Und tatsächlich, die vom Oberrohr passt nahezu optimal und scheint nur wenig Druck auf das Ausfallende auszuüben. Der Schraubenkopf hat allerdings eine andere, linsenförmige und kleinere Aufnahme als die Originalschraube. Nehme an, auf Grund geringerer Belastbarkeit. Wird sich herausstellen. Ihre Schraube findet nun doch noch Verwendung und hält das Bremskabel am Rahmen.

Sie fragt, wohin ich denn jetzt weiter führe. Ach, schön, da würden wir noch ein Stück gemeinsam fahren können, bis zur Weggabelung kurz vor ihrem Haus, müsse in meiner Richtung liegen, auf der Strecke nach Chelmsford. Ja, gerne, Moment bitte. Schaue schnell, ob der geplante Track tatsächlich in ihre Richtung verläuft. Scheint erst nicht so. Aber doch, der könne nur dort lang verlaufen, das sei der Weg, der auf die Straße nach Chelmsford führe, for sure. Moment bitte. Die beiden möglichen Wege liegen auf der Karte so dicht beieinander, dass nicht zuverlässig zu erkennen ist, wo der Track entlang führt. Schiebe das Rad ein Stück in Richtung des anderen Weges, bis sich was tut im Display des 64s, und ja, o.k., doch, alles prima, müsse da auch lang, und wir fahren los.

Unterwegs stellt sich heraus, dass sie mit Motorunterstützung fährt. Eine kleine Steigung packt sie wesentlich entspannter und schneller, runter jedoch ist sie langsamer. Muss bremsen, um Schritt zu halten. Das Fahrrad sei ganz neu, sie habe einen Unfall gehabt, und trage jetzt eine Prothese, deshalb der Motor und die spezielle Geometrie des Rades.

Nach etwa einer viertel Stunde erreichen wir die Kreuzung bei „Birch Green“. Sie müsse nach rechts weiter, also in die andere Richtung. Wir stehen dort einen Moment, schweigend, an der Kreuzung, in der gleißenden Sonne. Das Ereignis hat eine poetische Stimmung hinterlassen. John Crowley, Little Big. Verabschiede mich dankend mit den Worten „You must be an angel“. Sie antwortet ausweichend, oh nein, man nenne sie vieles, aber sicher nicht einen Engel.

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Berlin–Dingle–Avranches 2017 – Ramsey–Fyfield, Samstag 3. Juni – 62

in: Berlin–Dingle–Avranches 2017
Ramsey–Fyfield, Samstag 3. Juni
Reisen, Radreisen

-16:40-

Weiterhin auf der Capitals Route - part United Kingdom (England 2), vor der Brücke über den Fluss Chelmer, kurz vor „Chelmer Village“.

Noch knapp acht Kilometer bis nach Chelmsford und die Luft wird wärmer und schwüler. Von Osten her führt die Strecke auf größtenteils angenehmen Wegen in die Stadt Chelmsford hinein, hoffe das jetzt bald der Campingplatz auftaucht, doch laut GPS sind es immer noch vier Kilometer. Nach der Durchquerung eines erfrischenden, sehr belebten, innerstädtischen Parks verändert sich das Straßenbild jedoch drastisch, wird unangenehm vorstädtisch, optimiert für motorisierten Verkehr, eine Hauptverkehrsstraße führt durchs Wohngebiet.

Treffe um 17:16 an der im 64s als Wegpunkt vermerkten Stelle ein. Aber wo ist der Campingplatz? Hier kann doch nie und nimmer ein Campingplatz sein. Ausfallstraße mit Wohnbebauung links und rechts, so weit das Auge reicht. Prüfe erneut die Karte auf dem Display des 64s, doch da steht nichts von Campingplatz, und dann dämmerts. Keine Ahnung, warum die ganze Fahrt über ein Campingplatz das Ziel zu sein schien. Hatte für Chelmsford ein B&B eingeplant und keinen Campingplatz, eben weil dort bei der Planung kein Campingplatz in der Nähe zu finden war. Das im Web recherchierte B&B scheint aber ebenfalls nicht zu existieren. Fahre die Straße ein paar Mal ein Stück weit hoch und runter, aber nirgendwo auch nur annähernd ein B&B. Frage mehrere Passanten, ob sie dieses oder ein anderes B&B oder einen Campingplatz in der Nähe kennen. Nichts.

Gut, oder eher nicht gut, bin doch schon ziemlich fertig von der heutigen Tour. Was tun? Schauen, ob sich weiter drinnen in der Stadt eine Unterkunft finden lässt? Muss. Lasse mich vom 64s zum nächst besten Hotel routen. Fehler. Grauenhafte Autostrecke ins Stadtinnere, über dicke, vom Berufsverkehr verstopfte Straßen und chaotische Kreuzungen. Fahrräder sind hier quasi unbekannt und inexistent. Bleibt keine Wahl, außer sich innerlich fluchend durch das Verkehrschaos zu beißen. Unterm Chelmsford Bahnhof drunter durch und noch ein Stück weiter. Schon fast wieder raus aus der schrecklichen Innenstadt, kommt das Hotel an einer schattenlosen Hauptstraße endlich in Sicht.

Fahre auf eine Art Vorplatz, Hof oder Parkplatz, linkerhand der Eingang zum Hotel, etwas unscheinbar. Scheint niemand da zu sein. Uff, brauche dringend eine kleine, schattige Pause, habe das Gefühl gleich zu kochen. Stelle das Fahrrad neben einem im Eingangsbereich parkenden Van ab, viel mehr Schatten ist nicht zu finden. Ein Mann der weiter hinten auf dem Hof sein Auto repariert, sieht herüber und ruft fragend, ob ich zum Hotel wolle. Nicke und gehe voller Hoffnung zu ihm. Sein Vater wäre gleich wieder da, ob ich einen Moment warten könne. Ja machbar, aber könne er denn schon sagen, ob noch ein Zimmer frei sei für eine Nacht für eine Person? Nein, aber könne schon sein, sein Vater müsse gleich wieder da sein. Gehe mit gedämpften Erwartungen zurück zum Hoteleingang, in den Schatten des davor stehenden Transporters. Kann grad nicht mehr. Schaue zum Eingang, ob sich da etwas tut, und plötzlich wird das nahezu versteckte Schild „No Vacancies“ sichtbar, schleicht sich in die Wahrnehmung. Alles klar. Hätte vielleicht unterwegs mehr trinken sollen. Das beständige Mantra dieser Reise. Reicht anscheinend aber nicht. Melde die „No Vacancies“ dem jungen, erstaunten Mann, oh, sorry for that, und er ist so freundlich und nennt ein anderes Hotel, Richtung Innenstadt, das Premier Inn, kurz vor dem Bahnhof. Ja, schon gesehen, vorhin dran vorbei gefahren, danke, und ab. Schien recht nobel und teuer beim dran vorbei fahren, aber gut, schaun wir mal. Gleiche schauerliche Strecke wieder zurück, bis kurz vor Chelmsford Station, gegenüber den Gleisanlagen.

Fahrrad am Eingang abstellen, natürlich kein Radständer weit und breit, Schloss um Unterrohr und Vorderrad sichern, und Alarmanlage aktivieren. Ist mir zu viel Bahnhof und kondensierte Innenstadt hier. Rein durch eine Schiebetür aus Glas, zusammen mit ein paar anderen jungen Leuten die soeben eintreffen, hinein in einen leeren, nichtssagenden zur Straße raumhoch verglasten Kasten. Auf der gegenüberliegenden Seite zwei Aufzüge. Entdecke das Hinweisschild „Reception“, Richtung Aufzüge zeigend. Na tolles Ambiente, am besten gleich wieder raus hier. Ab in den Aufzug und hoch.

Grinsen und witzeln. Bing. Die gut gelaunte Jugend fährt noch ein Stück weiter.

An der Rezeption wird soeben eine kleine Familie bedient, bis der Vater bedient ist. Scheint ein Problem mit der Buchung zu sein. Die am flachen, minimalistischen Tresen stehende junge Frau – Mobiliar und Architektur auf pseudonobelmoderncoolrelaxteffektiv getrimmt, aber dann doch eher billig, gewollt und nicht gekonnt – hackt auf einer Tastatur vor sich hin, währen sie konzentriert einen Bildschirm anstarrt. Zwischen Vater und Rezeption geht die Rede hin und her. Minuten vergehen. Immerhin ganz gut klimatisiert der Raum. Schaue aus der Fronverglasung, schön, direkter Blick aus dem 1. OG aufs Fahrrad. Der Aufzug öffnet sich noch ein paar Mal. Wird langsam unübersichtlich in der Rezeption. Die junge Frau jedoch scheint komplett entspannt, oder zumindest unbekümmert gegenüber der sich sammelnden Menge an Interessenten und Hotelgästen mit diesen und jenen Wünschen, ruft aber schließlich Unterstützung herbei. Ein Kollege kommt hinzu, findet anscheinend auch keine Lösung. Ja und dann reichts dem Vater, er bedankt sich harsch mit sarkastischem Unterton, schnappt sich seine verdatterte Familie und zieht unwirsch von dannen. O.k., bin der Nächste, geht schnell. Ja, sie hätten noch ein Zimmer frei für eine Nacht, allerdings ein Doppelzimmer. Kosten? Moment. Könnten sie für 110 Pfund anbieten. Ja nein, danke, hahaha. Und Tschüss. das liegt denn doch über dem geplanten Budget, beziehungsweise so oder so echt kein Interesse solche Fantasie Preise zu zahlen. Insgeheim froh, hier wieder raus zu sein.

O.k., wie weiter, die Zeit bleibt nicht stehen, genug getrödelt, doch einen Campingplatz suchen? Erst mal wieder raus aus diesem kleinstädtischen Großstadtkondensat. Wieder zurück zum inexistenten B&B, schwanger mit der Idee, einfach die Strecke von Morgen schon mal weiter zu fahren, bis sich irgendetwas ergibt. Macht aus mehreren Gründen Sinn. Fahre lieber mit dem Rad durch die Landschaft bis mir auf der Strecke eine Unterkunft unterkommt, als in einer Stadt wie dieser noch weiter zu suchen. Noch früh genug am Tag zum Weiterfahren. Die für morgen geplante Strecke ist knapp 120 km lang. Heute schon einen Teil zu fahren, heißt morgen früher in London zu sein, ein wenig mehr Zeit für die Stadt. Wiege den Gedanken noch eine Weile hin und her, im Kopf wirds immer frischer, die Idee immer angenehmer, endgültig und begeistert fällt die Entscheidung fürs Weiterfahren, für Freiheit. Kräfte kehren wieder. Durchschaue diese Mechanismen der Psyche noch nicht ganz.

Die folgenden Kilometer auf schöner Strecke, in der Abendsonne durchs Grün und an Feldern vorbei, lassen sich zwar gut fahren, sind aber touristisch tot, was nicht von Nachteil sein muss, bis auf das Finden einer Unterkunft. Zur Not bleibt immer noch wild zelten. Also weiter fahren, wird sich schon was passendes ergeben, muss, und ist ja erst knapp sieben, zehn Stunden auf Tour seit heute morgen. Hunger und Durst nehmen zu. Pfeife den letzten Müsliriegel ein, schlürfe vom Rest Wasser und schütte nen Tütchen Doppelherz Microperls hinterher. Puff, kann jetzt bis morgen durchfahren. Eigentlich machts eh Spaß und die Gegend ist auch recht hübsch, Samstag Abend Feeling, kaum jemand auf der Straße.

Schließlich nimmt die Bebauung wieder ein klein wenig zu. An der Kreuzung „Wood Lane“ Ecke „The Street“ – was für ein Name für eine Straße –, steht auf dem Bürgersteig ein Mann und schneidet Hecke. Fahre an ihm vorbei und weiter. Ne, stopp, den musst Du fragen! Na gut, wieder zurück, hin zu dem Mann und fragen. Der dreht sich um, piekst sich irgendwie in den Finger, flucht, nein sei schon o.k., kein Problem, ja, fahren sie einfach die Strecke die sie gekommen sind wieder zurück in den Ort – zeigt in die vermeintliche Fahrtrichtung –, ein bis zwei Kilometer, dann am Ende der Straße rechts in die Hauptstraße und dann käme rechterhand gleich ein Pub, der auch Zimmer vermieten würde, „The Black Bull Pub“. Bestens, danke, müsse nicht mal zurück, käme aus der anderen Richtung, passe also noch besser, führe sowieso die Strecke zum Pub, danke nochmal. Auf gehts.

Mag das. Einfach drauf los und das Gute kommt auf dich zu, letztendlich, meistens, wenn alles gut geht. Zehn Minuten später und nach insgeamt 110 Kilometern am Ziel, 19:35. Geht doch. Suche den Eingang, befinde die nächstbeste, versteckt liegende Tür für gut, gehe schwitzend und rot gebrannt durch den mit distinguiertem Publikum besetzten, schönen Pub, hinüber zur Bar, und frage nach einem Zimmer. Moment. Die Bedienung eilt in der Küche. Kurz darauf tritt die Eigentümerin an die Theke. Sie lächelt sympathisch. Eine entgegenkommende, doch verhandlungssichere Geschäftsfrau. Erinnert an meine Zahnärztin. Ein Doppelzimmer ist noch frei; zum grad noch akzeptablen Preis. Demnächst halt wieder öfter zelten. Leider keine Garage oder dergleichen zum Abstellen des Fahrrads und im Zimmer ist zu wenig Platz. Bleibts halt draußen. Die versteckt liegende Ecke hinter dem Zugang zum Flachbau mit den Zimmern, gegenüber vom Pub, scheint ein geeignetes Plätzchen. Direkt vor einer großen Regentonne.

Rad so abstellen, dass niemand aus Versehen dran stößt, Schloss um Unterrohr und Vorderrad sichern, und Alarmanlage aktivieren. Völlig überflüssig hier, aber wenn das Teil schon mal da ist, und was die Autofahrer können, das geht auch am Fahrrad.

Schleppe das Gepäck durch zwei Klapptüren und einen langen Flur ins Zimmer.

Das Zimmer Das Zimmer

Speiseraum im Pub Speiseraum im Pub

Aktuelle Zeit: 20:00 Uhr. Bis 21:00 Uhr gibts Futter, also schnell noch das vom Morgen feuchtnasse Zelt im schön warmen Zimmer aufhängen, duschen, Ausgehklamotten an und auf ins Restaurant. Das ist jetzt angenehmerweise weniger gut besucht und luftiger.

Nach kurzem Studium der Speisekarte und Ausblenden des Vegetariers, fällt die Entscheidung auf hausgemachte „Beef Lasagne“ und das erste Guinness der Reise. Das Gesicht glüht noch immer von der langen Fahrt im Sonnenschein. Entspannen.

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