Die Zeitwaisen

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der die das - hanglos zu summen

fünfter Gesang

in: Alles und Nichts …
Absurdes Theaterstück

25. vorstellungskünstler

der mann stellt sich vor,
einen falschen namen der frau sagend,
dasz die frau nicht enttäuscht reagieren würde,
sondern ihn freundlich korrigierte, so dasz er sich,
sie mit richtigem namen ansprechend, erneut vorstellen könnte
und die frau ihm dann ein unmiszverständliches zeichen gäbe,
bei welchem er sich genau vorstellen könnte,
es nicht falsch zu interpretieren.


26. marta kleidet sich nach ihrem kopf.
sie achtet dabei auf funktionalität,
denn sie hebt sich gern von den männern ab.
aus der winterkollektion
hat sie sich die reiterstiefel
und den gekrinkelten seidenschal
in tiefstem schwarz ausgesucht.
davon kann mann sowieso nie genug haben ...


27. jacob kletterte bis zum schoszrand hinauf.
die sprachmuschel hob den schoszrand hoch, klappte ihre fühler zusammen
und verliesz das haus. als tropfspur blieb ein silbendes grün zurück.


28. der hund war ein falscher fuffziger.
er hatte per verordnung sein sekret im tiegel der diskretion
für bare münze den weibern verkaufen lassen.
über die zeit nun entflossen aus den unterleibern der weiber
absonderliche seltsamkeiten und sie bringen bälger zur welt,
die sich, nach einem groszen austrittsgebell, gegenseitig die mäuler zerreiszen.
so, wie ein gespräch sehr wohl geführt werden könne,
dasz es einem streit unter hunden ähnlich sei.
(aus: unterleibsbeschaffenheiten, sie unterliegen nicht mehr der diskretion)


29. wie wir unsere äuszerlichkeiten verinnerlichen,
veräuszern wir unsere innerlichkeiten.
er sagt, daß er sie liebt. sie sagt, sie ihn auch.
liebe ist lieb. bis morgen dann.
es war trotzdem ein schöner abend.


30. untreu wäre gerne treu
doch treu geht fremd
und das ist neu.
untreu wäre gern gehemmt
doch ist ihm treu
noch nicht vergönnt.
untreu wäre gern solide
doch hat er angst,
dasz er treu dann betrüge.
untreu ist sehr unzufrieden
denn treues treue ist ausgeblieben.
und zum schlusz, da fragt er sich schon,
wenn er denn treu wird, was hat er davon?

selbst kastriert vom wörtchen un
ist treu nicht treu und
das ist nicht neu.

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 22

Konsequenzen, die bestenfalls auch bewusst werden. Doch selbst innerhalb dieses Wahrnehmbaren, ist das nicht immer unmittelbar die Folge. Idealerweise vermitteln sich unserer Wahrnehmung unter gleichen Bedingungen wiederholt dieselben Konsequenzen, reproduzierbar. Wir können somit in begrenztem Maße, dann zumindest aber ziemlich sicher, Voraussagen treffen, welche Konsequenzen welches Tun haben wird. Aber sagt uns dies zwangsläufig etwas über sämtliche Konsequenzen die ein Tun hat, über Konsequenzen die sich zwar außerhalb unserer Wahrnehmung ergeben, die aber dennoch auf uns zurück wirken?“

„Ist das denn nötig? So ist das Leben, oder? Diese Menschen, die nicht einmal sich selbst kennen, die wollen alle anderen ebenfalls in diesen Zustand versetzen? Das hört sich nicht besser an, als das was PARK vorhat.“

„Sie kennen und erleben weitaus mehr als sich selbst. Nein, nicht sie, das können sie nicht. Dieserart Vorstellung und Antrieb sind ihnen fremd. Die sogenannten Bewussten im Stamm, die mit den Sporen und Implantaten, jene bei denen die Simulation keinen Effekt hat, die da forschen und denken und meinen sich selbst und alles andere zu kennen, die in einer quasi heiligen Mission unterwegs sind, um den Menschen aus den Fesseln des Bewusstseins zu befreien, sie sind es, die diesen Zustand anstreben.“

„Du magst sie nicht besonders, hm?“

„Ich mag ihren blinden Eifer nicht. Sie glauben, oder meinen zu wissen, sowohl die durch den Menschen in die Welt gebrachte Simulation, als auch die von ihnen postulierte Simulation durch die Sporen, lenke von der umfassenden Wirklichkeit ab, stelle mehr eine ungünstige, denn eine günstige Wechselbeziehung her. Ohne wären wir besser dran. Sie besitzen Aufzeichnungen, aus denen hervorgeht, dass die spezielle Konstruktion und initiale Programmierung der G-Sporen das komplexe Verhalten eines Schwarms ermöglicht, mehr noch, eines die Grenzen des Individuums überschreitenden Metaorganismus, der unter anderem die Fähigkeit entwickeln kann, ganz eigene Ziele zu verfolgen. Da die G-Sporen prinzipiell nach dem Vorbild der originären Sporen geschaffen wurden, sind sie der Überzeugung, deren Verhalten weise die selben Charakteristika auf.“

„Ist da vielleicht ein klitzekleiner Widerspruch in diesem Glauben? Und was meintest Du vorhin mit ‚richtig gewählt‘ und ‚der Stamm wartet‘?“

„Nicht von ihrem Standpunkt aus betrachtet. Sie behaupten nicht, die natürliche Wechselbeziehung zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit wäre ganz und gar fehlerhaft, sie sagen, sie sei beschränkt, auf ein spezielles, unbekanntes Wirken hin ausgerichtet. Allein schon mit dem Akt der individuellen Bewusstwerdung, ausgelöst durch die Aktivität der Sporen, würden verzerrende Faktoren einfließen.

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 6

„Merkwürdig. – Ich bin so jemand bisher nicht begegnet.“

„Unter den Angeschlossenen wirst Du auch niemand finden.“

„Wie war es möglich, dass er lernen konnte?“

„Feststeht, Julian lernte, und zwar schnell. Er konnte mit dem was ihn umgab, völlig unbefangen und natürlich agieren; natürlich im Sinne von, wie ein Fisch im Wasser, aber eben nicht nur im Wasser. Er nahm sehr wohl auch seinen Körper wahr, aber auf die gleiche Weise, wie alles andere um ihn herum.“

„Konnte Julian abbilden?“

„Julian hatte keine Vorstellung vom Prinzip des Abbildens. Für ihn war ein Dinge genau das, was es ist. Nein, er konnte damals weder malen noch zeichnen, und auch auf keinem anderen Wege eine Abbildung erzeugen. Wurde er mit einer realistischen Abbildung konfrontiert, versuchte er mit dem Dargestellten zu interagieren. Gelang dies nicht, verlor er das Interesse. Das Bild wurde für ihn zu einem Gegenstand wie jeder andere.

Selbiger wartete einige Jahre, bis Kasimir und Julian alt genug waren, um über weitere Prozeduren mitentscheiden zu können. Nun, Kasimir konnte entscheiden. Vermeintlich nahmen die Jungen keinen Schaden. Selbiger war tatsächlich der Erste, der diese Art Eingriff durchführte.“

„Jetzt kommt es, oder?“

Korrekt, jetzt kommt es. Mitte des 19. Jahrhunderts konnte Selbiger das Gehirn von Julian und seinem Bruder weder direkt noch indirekt untersuchen, doch er fand andere indirekte Möglichkeiten, durch die er sich Rückschlüsse erhoffte. Er war der Erste, der eine Lumbalpunktion beim lebenden Menschen durchführte, eine Entnahme von Nervenflüssigkeit. Letztendlich, nach Jahren des Suchens, konnte er Befunde bei den Jungen, Ergebnisse aus Untersuchungen der Nervenflüssigkeit von Patienten und Freiwilligen, sowie Untersuchungen des Hirns kürzlich Verstorbener und entsprechenden Untersuchungen an anderen Tierarten, in einen Zusammenhang bringen. Die Gewebeproben vom Hirn lebender Tiere – Tiere bei denen Selbiger Bewusstsein vermutete – waren letztendlich für ihn entscheidend. Als übereinstimmendes Merkmal identifizierte er Sporen, beziehungsweise keine Sporen.“

„Sporen.“

„Sporen.“

„Das sind doch diese rauhen Strukturen an der Unterseite bestimmter Pflanzen. Farne, soweit ich mich erinnere?“

„Korrekt. Sporen werden aber auch von Bakterien, Pilzen und Protozoen gebildet und ermöglichen unter anderem ungeschlechtliche Fortpflanzung, Sex ohne Sex. Kommst Du noch mit?“

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Harm Oh Nie Ist In Uns

in: Zeit Entwoben — 2009-2013 – Sinnliche Eigenwelten – Fragmente der Vorstellung

Die Klarheit des Kollapsars im Garten der Geständnisse (Ξ) Detail ψ Die Klarheit des Kollapsars im Garten der Geständnisse (Ξ) Detail ψ

Die Zeit, sie webt in mir
Den Klang und das Bild
Das Bild durch den Klang
Die Zeit, sie treibt in mir

Fragmente der Wirklichkeit
Im Fluss meiner Finger
Den Stift in meiner Hand
Zu Spuren der Vorstellung

Von Mir und der Welt
Von der Welt in Mir
Entwoben der Zeit

Verwoben in Graphit
Auf gilbendem Papier



Oder stelle ich mir das nur vor?


Nüchtern betrachtet

Meine Zeichnungen entstehen während des Zeichnens
Meine Fotografien entstehen während des Fotografierens

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