Die Zeitwaisen

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 18

„Zugegeben, die meisten Krankheiten verschwanden allmählich in den Jahrzehnten nach Brand und Wiederaufbau. Organversagen und frühes Altern wurden jedoch Normalität.“

„Im Gegensatz zu meinem Schweben in der Halle.“

„Dein Schweben? Trägst Du einen Sublimationsanzug? Weißt Du, wie massiv die Dinger sind? Glaub mir, eine Masse, die nur Hybiorobs bewegen können .“

„Hybiorobs?“

„Maschinen. Maschinen, die von sich selbst denken, sie wären keine Geräte, denken, sie wären Menschen. Wie soll ich Dir das jeztzt auch noch erklären.“

„Na, dann erwähne sowas nicht. Ist eh schon alles verwirrend genug. – Da Du von Gewicht sprichst, dieser Boden auf dem wir sitzen, wieso ist der so schmeichelnd bequem? Oder bilde ich mir das auch nur ein? Sieht spiegelglatt aus und fühlt sich an, na, so hart wie Phytan, wenn ich mit der Hand darüber streiche. Sitzt sich aber sehr bequem, wie auf einem Flies.“

„Das ist deshalb so, weil wir in Wirklichkeit auf warmem, weichem, schmiegsamem Sand sitzen, und ein paar Schritte weiter rauscht das Meer.“

„Nicht Dein Ernst!“

„Nein, Scherz. Die Simulation ist keine Zauberei. – Gut, Zauberei selbst ist auch keine. … Egal.“

„Hahaha.“

„Der Boden funktioniert ähnlich wie ein Flies, passt sich deinen Bewegungen und der an ihn abgegebenen kinetischen Energie an, beispielsweise durch dein Gewicht, zum Wohlgefallen deines Körpers; glücklicherweise tut er das unmittelbar. – Was ist Deine Erklärung für Dein Erlebnis in der Halle?“

Ich hab keine Erklärung. Aber das heißt noch lange nicht …“

„Die vielen Leute sind tatsächlich da draußen, nur sind sie keine Nomaden, sie sind Angeschlossene, so wie Du. Und sie bewegen sich tatsächlich benommen auf das Ende der Halle zu. Doch da ist kein Loch in der Wand. Da schweben Wechsel. Dicht an dicht. Auf der ganzen Breite der Halle, ein Ozonstinker neben dem Anderen. Und nicht nur auf dieser Ebene. Und nicht nur in diesem Turm. Und das ist mein aktuelles Problem, mehr noch Dein Problem. Ist die Situation ein Problem für die Leute in der Halle? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich. Wo ist Jochen?“

„Stop, mir schwirren noch andere Fragen im Kopf. Zum Beispiel. Warum verteilt der Stamm keine Implantate an alle? Und kann die Simulation nicht abgestellt werden? Rein hypothetisch gedacht, denn was für einen Sinn macht die Simulation im Großen und Ganzen? Wie weit reicht sie? Was wird alles simuliert? Hat die Simulation nichts dagegen, hahaha, dass Du mir dieses besondere, nicht übermittelte Wissen – diese Geheimnisse –, so umfangreich anvertraust? Ist das was ich höre, wirklich das, was Du mir sagst? – Was für eine blödsinnige Frage. Nur mal Dein Zeug weiter gesponnen. O.k., selbst wenn; das mit der Verschönerung der durch die Übergabe erzeugten Lebensmittel, das erscheint mir noch einigermaßen plausibel, aber die Situation in der Halle? Und warum hört sich Deine Version dessen was ich in der Halle erlebt habe, genauso absurd an wie meine? Ein Loch oder diese Dinger?

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 16

„O.K. – Lass mich kurz nachdenken.

Wenn ich das richtig verstanden habe, willst Du mir also glauben machen, dass in der Halle etwas ganz andere geschehen ist, als ich wahrgenommen habe?“

„So würde ich das nicht beschreiben. Die Realität ist subtil. Immer noch Hunger?“

„Sicher! Glatt vergessen. Doch, ja. Jetzt wo Du es sagst. Unbedingt! Bitte ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte und schwarzen Kaffee. Wenn möglich, nicht synthetisch.“

„Ah, ich hatte jetzt an etwas Nahrhafteres, Sättigendes gedacht, letztendlich aber auch egal. Nicht synthetisch. Du machst Witze, hm? Selbst die Monohappen in den Synthoküchen, sind synthetischer als Du denkst. Nicht synthetisch gibt’s nicht mehr, bis auf ein paar skurille Ausnahmen. Aber klar, Schwarzwälder Kirschtorte. Wunder der Übergabe. Und der Simulation. Schließe mich an. Immer wieder ein Erlebnis. Da schauern und kitzeln mich meine Eingeweide, sobald das Gewünschte an der Übergabe, aus der scheinbar blanken Wand gleitet. Wie Schweiß auf der Haut.“

„Danke. – Vorzüglich. – Und was wird da nun simuliert? Klar, das Zeug ist synthetisch. Sieht aber aus und schmeckt, wie ich sie aus meiner Kindheit erinnere. So wie immer. – Der Kaffee ebenfalls.“

„Du wurdest während des Rückfalls geboren? – Deine Generation ist die letzte, die solche Kindheitserinnerungen hat. Was Du da glücklich in Dich hinein spachtelst, entspricht in Form und Aufbau einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte, vermutlich, besteht jedoch aus einer homogenen, grauen Paste in grundlegender Geschmacksrichtung; süß, sauer, salzig, bitter, je nach dem. Letztendlich immer die gleiche Paste, mal härter, mal weicher, mal wässriger, mal körniger, mal luftiger, mal krümeliger, aber immer diese graue Paste, egal was Du isst. Der Kaffee? Sieht aus und schmeckt wie heißes Wasser. Gelegentlich ist Coffein enthalten, natürliches Coffein, warum auch immer. Der gleiche Unsinn wie bei den Zigaretten.“

„Du spinnst.“

„Ich spinne nicht. Wenn, dann spinnt mein Implantat, oder, aus einer anderen Perspektive betrachtet, die Sporen selbst. Denke ich aber nicht. Erfahrung. Das ist, was ich sehe, schmecke und spüre, jenseits der Simulation durch die G-Sporen, dann, wenn ich das Implantat vollständig übernehmen lasse. Ist jedoch eher selten der Fall. Meistens ergebe ich mich der Simulation, weitestgehend. Nichts geht schließlich über ein gut simuliertes Stück Torte.“

„Moment, Du kannst kontrollieren, was und wie Du wahrnimmst?“

„Genaues weiß der Zerebralprothetiker. Ich kann das Verhalten des Implantats, also seine Aktivität, durch Gedanken – hm – durch Gedankenzustände, Mentalzustände, modellieren. Neurosensorik, oder

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 14

sind katastrophal. In den noch stabilen Gebieten wird weltweit mit dem Bau der Turmballungen und der Subs begonnen, den inneren und äußeren Bereichen; die Pläne existierten schon lange vor dem Brand. Verteilung und Anschluss entstehen. Doch das sollte Allgemeinwissen sein.“

„Stopp. Ja, sicher. Aber das ist doch Irrsinn, wozu, ich meine, vor dem Brand …“

„Der Irrsinn ist, dass schon seit Jahrzehnten niemand mehr zu wissen scheint, wer die Simulation aufrecht erhält und vor allem warum, oder ob da überhaupt jemand ist, der sie bewusst kontrolliert. Eine neue Art Gott Frage, wenn du so willst. Die vor den Brand zurückreichenden digitalen Informationen sind in vielen Bereichen mehr als dürftig. Was nicht in Papierform vorlag … aber selbst Bücher wurden in Masse verbrannt, weggeschwemmt, vernichtet.“

„Bücher, als Kind faszinierten mich Bilderbücher. Bilderbücher mit ein wenig Schrift. Die stand neben oder unter den Abbildungen. Später habe ich nie wieder Bücher gesehen. – Ein paar Bilder von dieser Schrift sind mir in Erinnerung geblieben. Ich denke, als kleines Kind habe ich noch begonnen zu lesen. Doch dann war da irgendwann nur noch die Übermittlung, alles hatte sich verändert.“

„Offiziell existieren keine Bücher mehr. Niemand liest oder schreibt. Wozu? Die Übermittlung erscheint eindeutig und direkt. Das kann nur jemand nachvollziehen, der weiß wie es ist, aus abstrakten, visuell wahrgenommenen Zeichen, Sinn zu erschließen, einen Bezug zur Welt jenseits dieser Zeichen herzustellen. Im Stamm ist die These von der Selbstversklavung verbreitet. Den meisten fehlt das Wissen oder Interesse. Oder Beides. Einige sind sich der Existenz der Simulation sogar bewusst. Sie alle akzeptieren das, bewusst oder unbewusst, und zwar auf die gleiche Art und Weise, auf die Wahrnehmung und Bewusstsein auch vor der Simulation akzeptiert wurden. Die Verteilernomaden sind vielleicht tatsächlich ein Schlüssel zum Verständnis, vielleicht aber auch nicht. Das hört sich sinnlos an, ab so ist es.

Vor fünf Jahren erscheint das vom Stamm als Wechsel bezeichnete Objekt; wie sie inzwischen richtig vermuten, nicht nur eines, sondern mehrere. Wir nehmen an, bei dem Objekt handelt es sich um einen beweglichen, weiterentwickelten Anschluss; der Stamm hält einen Materietransmitter für möglich. PARKs Theorie basiert auf den alten Thesen zu Parallelwelten und sieht im Wechel einen Übergang, ein Tor zwischen diesen Welten. Wieso das Ding aufgetaucht ist, woher es kommt, und welchen Zweck es erfüllen könnte, diese Frage wagt sich kaum einer zu stellen. Das war auch schon beim Interess nicht anders, nachdem es bei den ersten Kindern entdeckt wurde.“

„Na, aber das Interess ist doch einfach nur eine weitere, natürliche Verbindung zur Verteilung, zum Anschluss.“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 11

der Vergangenheit für die Existenz jener, denen die Sporen nicht nur Bewusstsein brachten, sondern auch ein Bewusstsein über die Sporen selbst, und somit ein Maß an Kontrolle über die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Nein, ich meine Raumstationen, Forschungslabore im Himmel, weit über dem Boden schwebend, höher als ein Schifter fliegt. Die dort forschenden Wissenschaftler entdeckten Sporen im Erdmagnetfeld. Ob gezielt danach gesucht wurde, ist nicht überliefert. Sie stellten jedoch anscheinend überrascht fest, dass es sich bei diesen Sporen um die gleichen handelt, wie die von Selbiger entdeckten. Nicht wirklich verwundert der anschließende Nachweis, der Manipulierbarkeit der Sporenaktivität im Gehirn mittels elektromagnetischer Wellen. Für uns sieht das nicht nach Zufall aus.“

„Jetzt verlierst Du mich doch. Was sind elektromagnetische Wellen? Was ist ein Erdmagnetfeld? O.k., ich weiß, dass da, wo ich die Sterne sehe, den Mond, die Sonne, dass es da extrem kalt sein soll, keine Luft zum atmen existiert und das Licht der Sonne dich verbrennt und anderen Schaden verursacht, so wie beim Brand. Wie konnten die da leben? Und dieses ganze Psychoding, das treibt mir Schauer über den Rücken. Genau wie diese unangenehmen Kontakttheken, die Du so gerne besuchst.“

„Das ist gut. Vergiss Deine Fragen nicht. Wie konnten die da leben? Denk nach. Wie kannst Du im Wasser leben, in der Sub? – Die Kontakttheken. Simulation, Übermittlung, Anschluss … das reicht nicht für eine vollständige Sublimation. – Nicht genug Zeit jetzt. Entscheidend ist, die Sporen und deren Aktivität lassen sich gezielt beeinflussen. Deine Wahrnehmung, oder besser gesagt dein Bewusstsein, deine erlebten Sinneseindrücke, können auf grundlegende Weise manipuliert werden. Durch die damals rasante Verbreitung mobiler, auf Funktechnologie basierender Geräte für Kommunikation und Datenaustausch, das Interess dient unter Anderem dem gleichen Zweck, werden authentische Feldversuche ein Kinderspiel.“

„Du meinst DAS Interess? Das haben doch alle von Geburt an. Das ist doch kein Gerät. Logisch ist das mobil, bewegt sich ja mit mir. Was sind Feldversuche, Funk?“

„Nicht alle, aber fast. Das Interess ist ein Gerät, auch wenn es sich anfühlt wie ein Teil Deines Körpers, vertrau mir.

Extensive Computerisierung und Digitalisierung treiben die Entwicklung schwungvoll voran. Kleine, ferngesteuerte Fluggeräte schweben überall im öffentlichen Raum herum und werden eine Zeit lang als Übermittler, als Verstärker der Signale eingesetzt.“

„Fluggeräte? So wie die Schifter?“

„Ja, nur viel, viel kleiner und, ja, wenn Du so willst, über eine Art Anschluss gesteuert, ähnlich wie die Pseudon.“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 10

Wissenschaftler die Brisanz des Materials jedoch klar gewesen sein. Welche Auswirkungen das allgemeine Bekanntwerden gehabt hätte? Eine potentielle Sensation? Schwer zu sagen.“

„Ja, und dann? Wurde das Thema für beendet erklärt? Kann nicht sein, oder? Und die Studentin?“

„Offiziell schon, das heißt nein, offiziell gab es das Thema gar nicht. Hinter verschlossenen Türen wird die Forschung selbstverständlich weiter geführt; kontrolliert durch die Administration und das Militär. Nach 1953 gelangen wesentliche Entdeckungen in der Biochemie mit Bezug zur Hirnforschung, sowie in der Hirnforschung selbst, nicht mehr an die Öffentlichkeit, abgesehen von irrelevanten, unverfänglichen Erkenntnissen. Das Thema Gentechnologie tritt stattdessen in den Vordergrund öffentlicher Wahrnehmung und bleibt dort bestimmend bis weit ins nächste Jahrtausend. Was aus der Studentin wurde? Darüber liegen keine Informationen vor.“

„Verschwörungstheorien waren weit verbreitet vor dem Brand.“

„Ja. Leider. Und nicht von ungefähr. Die wirklich entscheidenden Zusammenhänge nahm kaum jemand wahr.

Forschungsergebnisse Mitte der Neunziger des 2o. Jahrhunderts belegen folgendes: Die Sporen gelangen tatsächlich, wie von Selbiger angenommen, erst nach der Geburt in den menschlichen Körper, quasi mit dem ersten Atemzug. Genauso verlassen sie den Körper auch wieder, mit dem letzten Atemzug. Nicht ganz so prosaisch, aber vom Prinzip her. Während Geburt und Tod wurden sie auch außerhalb des Körpers nachgewiesen, im näheren Umfeld, sonst jedoch nirgendwo. Vorerst.“

„Und woher kommt das Zeug dann bitte? – Hunger!“

„Mutter, Vater, die Menschen in der Nähe. Während deiner Geburt oder zum erst bestmöglichen Zeitpunkt. Je später, desto wahrscheinlicher jedoch die Möglichkeit unvollständiger Symbiosen und deren Nebeneffekten. Stirbst Du, suchen sie sich einen Zwischenwirt. Woher sie ursprünglich stammen? Ist in letzter Konsequenz nicht geklärt. Wieso sie tun was sie tun? Auch an dieser Stelle keine neuen Erkenntnisse. Ein weiteres Teil im Puzzle der natürlichen Selbstorganisation. Die Sporen werden, soweit möglich und soweit die Definitionen greifen, zweifelsfrei als Grundlage für die Existenz von Bewusstsein identifiziert, nicht nur dem Bewusstsein von Dir selbst, sondern auch dem, was als Qualia bezeichnet wurde, deinem ganz eigenen Sinneseindruck. – War Raumfahrt mal ein Thema in Deinen Übermittlungen? Raumstationen?“

„Märchen über im Himmel schwebende Schlösser?“

„Witzig. Apropos Märchen, Zauberer, Hexen, Nebeneffekte, etc.. Indizien

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 9

„Julian erlag mit 25 Jahren einer Lungenentzündung, im Anschluss an eine schwere Grippe. Kasimir wandte sich wenig später von seinen Eltern ab. Selbigers Frau verstarb kurz darauf. Selbiger forschte weiter, bis zu seinem Tode. Wie er starb, ist nicht bekannt. Beide starben viel zu früh.“

„So viel zu 'keinen Schaden nehmen'.

O.k., das ist alles sehr interessant. Soweit kann ich auch alles verstehen, denke ich. Was ich unter anderem nicht verstehe, wie hängt das alles zusammen mit dem, was da draußen in der Halle passiert und mit Deiner Bemerkung über Halluzinationen, die ich angeblich habe oder hatte. Und ob diese Zellstrukturen nun im Menschen entstehen, oder von außen eindringen, welche Bedeutung hat das? Wo ist der Unterschied zu den Bakterien, die im Darm eines Menschen leben, beispielsweise?“

„Nach Selbiger, keiner. Der Zusammenhang erschließt sich etwa hundert Jahre später, zum Advent des binären und digitalen Zeitalters.“

„Gibt es hier eine Übergabe? Ich habe sooo einen Hunger. Tagan nichts gegessen. Wen ich es recht überlege, seit gestern in der Theke nicht mehr. Kaffee wär auch nicht schlecht. Bitte.“

„Ein klein wenig Geduld noch.“

„Puh, Du hörst Dich aber auch die ganze Zeit über an, als hättest Du Hunger.“

„Selbigers Publikation, vergessen und verstaubt in den abgelegensten Regalen der Fachbibliotheken, weckt das Interesse einer Studentin der Biochemie und Neurophysiologie. Alles Weitere ergibt sich von selbst, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Studentin bestätigt in ihrer Abschlussarbeit die Zellstrukturen im Gehirn und weist Selbigers weitere Annahmen durch DNA Analysen nach. Die Sporen enthalten eindeutig nicht menschliches Material und finden sich weder in Toten noch in Ungeborenen. Die Erkenntnisse werden nicht veröffentlicht. Selbigers Publikation, sowie jeder Hinweis darauf, verschwinden aus den Bibliotheken."

„Wie war das möglich? Ihre Forschungsergebnisse hätten sich doch schnell verbreiten müssen? Diese ganze Geschichte mit dem Bewusstsein, war das nicht für alle interessant?“

„Nun, zum einen gab es damals keinen Anschluss, und keine Massenkommunikation. Zum anderen wurde die Arbeit von Anfang an durch einen dafür zuständigen Wissenschaftler begleitet. Dessen Betreuung wird sich innerhalb kurzer Zeit in Beaufsichtigung und Abschottung gewandelt haben. Die entscheidenden Instanzen hatten kein Interesse die Ergebnisse öffentlich zu machen; im Gegenteil. Auf Selbigers Thesen zum Bewusstsein, nimmt die Studentin sogar nur am Rande Bezug. Sie konzentriert sich in erster Linie auf den Nachweis und die Beschreibung der Zellstrukturen, der Sporen. In Kenntnis Selbigers Thesen muss dem

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 8

„Hast Du eigentlich mal Tiere erlebt, lebendig, direkt?“

„Wenige. Jedenfalls wenige mit vier Gliedmaßen. In den Ballungen können sie nicht leben und außerhalb sind sie über Wasser inzwischen so selten, wie das Land selbst.“

„Die haben früher wirklich das Gehirn von lebenden Tieren untersucht, bei vollem Bewusstsein?“

„Das war üblich in der Forschung. Bewusstsein bei Tieren, das entsprach längst nicht der allgemeinen Auffassung. Oder aber der Gedanke wurde ignoriert – zum Wohle des Menschen. Anästhesie stand noch am Anfang. Macht aber auch nicht bei allen Experimenten Sinn. Doch ja, da war Widerstand, vereinzelt. Selbigers Thesen hätten diesen Widerstand überzeugend stützen können, wären sie denn anerkannt worden. Er hat damals zwar schon Ether verwendet, das änderte aber nichts am anschließenden Tod der Tiere, mag dieser auch schmerzlos gewesen sein.“

„Und wenn die Entwicklung von Julians Gehirn ganz einfach anders verlief, als die von Kasimirs?“

„Möglich. Ebenso möglich, wie Selbigers Annahme einer Symbiose mit den von ihm entdeckten Sporen, die bei Kasimir fehlschlug. Aus welchen Gründen auch immer.“

„Eben, die Ursache dafür hat er doch gar nicht entdeckt. Und warum dann diese Sporen ins Spiel bringen, die sich zudem in der Umwelt nicht nachweisen lassen, wenn eine einfache Erklärung genau so viel Sinn macht, wenn nicht mehr?“

„Korrekt, er konnte den Grund für Julius Andersartigkeit nicht klären. Seine Erkenntnisse erwiesen sich jedoch später als von weitaus größerer Bedeutung. Und ich würde Dir zustimmen, wäre da nicht ein weiteres Indiz, das Selbiger nur wenige Monate vor seinem Tod notierte. Ihm gelang, die Zellstrukturen experimentell hervorzurufen, spontan. Wohlgemerkt im toten, biologisch inaktiven Gehirn. Er konnte diesen Zustand jedoch nicht über einen längeren Zeitraum aufrecht erhalten; nach kurzem verschwanden die Sporen wieder. Das nahm von seinen Kollegen, und im weiteren wissenschaftlichen Umfeld, aber schon kaum jemand mehr zur Kenntnis. Diejenigen die ihn noch lasen, warfen ihm Alter, unsauberes Arbeiten und Manipulation vor. Die Kirche sprach gar von Ketzerei. Die Kirche. Zu Zeiten der Inquisition hätte man Selbiger und seinen Sohn verbrannt. Wahrscheinlich die ganze Familie, und jeden der mit ihr in Verbindung stand. Menschen wie Julian wurden schon immer benachteiligt, abgesondert, verfolgt, weggesperrt, gefoltert oder umgebracht.“

„Was wurde aus den beiden Söhnen?“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 6

„Merkwürdig. – Ich bin so jemand bisher nicht begegnet.“

„Unter den Angeschlossenen wirst Du auch niemand finden.“

„Wie war es möglich, dass er lernen konnte?“

„Feststeht, Julian lernte, und zwar schnell. Er konnte mit dem was ihn umgab, völlig unbefangen und natürlich agieren; natürlich im Sinne von, wie ein Fisch im Wasser, aber eben nicht nur im Wasser. Er nahm sehr wohl auch seinen Körper wahr, aber auf die gleiche Weise, wie alles andere um ihn herum.“

„Konnte Julian abbilden?“

„Julian hatte keine Vorstellung vom Prinzip des Abbildens. Für ihn war ein Dinge genau das, was es ist. Nein, er konnte damals weder malen noch zeichnen, und auch auf keinem anderen Wege eine Abbildung erzeugen. Wurde er mit einer realistischen Abbildung konfrontiert, versuchte er mit dem Dargestellten zu interagieren. Gelang dies nicht, verlor er das Interesse. Das Bild wurde für ihn zu einem Gegenstand wie jeder andere.

Selbiger wartete einige Jahre, bis Kasimir und Julian alt genug waren, um über weitere Prozeduren mitentscheiden zu können. Nun, Kasimir konnte entscheiden. Vermeintlich nahmen die Jungen keinen Schaden. Selbiger war tatsächlich der Erste, der diese Art Eingriff durchführte.“

„Jetzt kommt es, oder?“

Korrekt, jetzt kommt es. Mitte des 19. Jahrhunderts konnte Selbiger das Gehirn von Julian und seinem Bruder weder direkt noch indirekt untersuchen, doch er fand andere indirekte Möglichkeiten, durch die er sich Rückschlüsse erhoffte. Er war der Erste, der eine Lumbalpunktion beim lebenden Menschen durchführte, eine Entnahme von Nervenflüssigkeit. Letztendlich, nach Jahren des Suchens, konnte er Befunde bei den Jungen, Ergebnisse aus Untersuchungen der Nervenflüssigkeit von Patienten und Freiwilligen, sowie Untersuchungen des Hirns kürzlich Verstorbener und entsprechenden Untersuchungen an anderen Tierarten, in einen Zusammenhang bringen. Die Gewebeproben vom Hirn lebender Tiere – Tiere bei denen Selbiger Bewusstsein vermutete – waren letztendlich für ihn entscheidend. Als übereinstimmendes Merkmal identifizierte er Sporen, beziehungsweise keine Sporen.“

„Sporen.“

„Sporen.“

„Das sind doch diese rauhen Strukturen an der Unterseite bestimmter Pflanzen. Farne, soweit ich mich erinnere?“

„Korrekt. Sporen werden aber auch von Bakterien, Pilzen und Protozoen gebildet und ermöglichen unter anderem ungeschlechtliche Fortpflanzung, Sex ohne Sex. Kommst Du noch mit?“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 4

Kasimir zu unterscheiden, zeigte jedoch überdurchschnittliche Fähigkeiten bei der Orientierung, Erinnerung und Mustererkennung. Seine Reaktionen gegenüber der Umwelt ähnelten denen, welche ein halbes Jahrhundert später im Zusammenhang mit autistischem Verhalten beschrieben werden sollten. Und er sprach nicht. Eine körperliche Behinderung konnte ausgeschlossen werden.“

„Er sprach nicht? Gar nicht? Nie? – Ist das ungewöhnlich? Eine so unterschiedliche Entwicklung bei Zwillingen?“

„Nicht zwangsläufig, doch für die meisten Zwillingspärchen trifft das wohl zu, speziell bei Eineiigen – der Unterschied war damals aber nicht bekannt. Trifft noch mehr zu, sofern die Zwillinge so eng und behütet zusammen aufwachsen, wie diese Beiden. Wie auch immer, Dr. Selbiger befand ihre Verschiedenheit, genauer gesagt die Entwicklung Julians, offensichtlich bedeutend genug, um nach den Ursachen zu forschen.“

„Verständlich. Die Meinung der Mutter war eher unbedeutend, hm?“

„Vor dreihundert Jahren? Jedenfalls, der Mann war Vater, Mediziner, Zoologe und Professor der Chemie, also mehrfach motiviert, herauszufinden, wie es zu dieser auffallend unterschiedlichen Entwicklung hatte kommen können. Von den vergangenen Generationen beider Familien wurde keine derartige Ausprägung eines Verhaltens überliefert. In Selbigers Aufzeichnungen wird auch kein schwerwiegend abweichendes Ereignis während des Heranwachsens der Kinder beschrieben – die Zeit der Schwangerschaft bleibt allerdings unerwähnt. Selbiger hatte zwar weitaus weniger Möglichkeiten, als die Psychologie und Hirnforschung hundert Jahre später, aber selbst das ist genug, um uns beide zu überfordern, würden wir da tiefer einsteigen, denke ich mal, deshalb …“

„Du unterschätzt mich. Welch ein Zufall übrigens, dass der Mann Zoologe und Arzt war.“

„Ääähm, nein. Lass es mich anders formulieren. Bis ins letzte Detail kenne ich die Zusammenhänge ebenfalls nicht. Zufrieden? Der Stamm hat ein paar Spezialisten, die sich über die Jahre intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. Aber wenn Du möchtest, ein bisschen Luft habe ich noch. Also weiter. Die Geschichte ist reich an Zufällen. – Auch so ein närrisches Konzept.“

„Das musst Du jetzt nicht näher ausführen, könnte uns überfordern. – Er wird ja offensichtlich etwas Bemerkenswertes herausgefunden haben; die Entdeckung, nehme ich an.“

„Ach Silvie. – Nein, erst später. Keine der frühen Untersuchungen zeigte Ergebnisse, die zu einer Erklärung beitrugen, warum der eine Junge – und jetzt komme ich zu dem Punkt, dem Hauptpunkt, den ich noch gar nicht erwähnt habe – warum Julian nicht nur ein dem Autismus ähnliches

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 3

„Der aktivierte Wechsel. – Das passt zum Scan. Die teiltransparenten Böden lassen sich auch erklären. Doch das Drumherum? Wieder nur eine Projektion, die Dich abhalten sollte? Warum? Warum solltest gerade Du abgehalten werden?“

„Ja, und warum war ich überhaupt in dem Raum? – Scan?“

„Wir sind im Scanner?! – Binderdroge?“

„Das in der Halle war anders. Kann ich mir außerdem nicht leisten bei meinem Anschluss. Was für eine dumme Frage, Stefan. Du weißt, dass ich diesem Psychozeugs nichts abgewinnen kann. – Kam ich Dir so vor in den letzten Monaten?“

„Manchmal? – Ne, ehrlich, keinen blassen Schimmer, wie das zusammenhängt, was Du erlebt hast. Es sei denn, es hat die gleiche Ursache, wie Deine Wahrnehmung in der Halle. Ein ‚Warum‘ beantwortet das allerdings nicht.“

„Lag vielleicht auch an Dir, die letzten Monate… – O.K., das heißt, du kannst zumindest erklären, was in der Halle geschieht, mal abgesehen vom ‚warum‘. Halluzination? Implantat?“

„Nein, nicht was in der Halle geschieht, und auch nicht, was in den anderen Türmen geschieht; nur, wie Dein Erlebnis in der Halle zustande kam.“

„Ist doch schon mal was. Bin gespannt.“

„Sitzt Du bequem? Schätze es macht Sinn, am Anfang zu beginnen, am Zeitpunkt der ersten Entdeckung. Wird eine Weile dauern, das alles aufzurollen.“

„Welche Entdeckung?“

„Ist ungefähr dreihundert Jahre her. Der Mediziner, Zoologe …“

„Du willst mich weiter veräppeln. Vor dreihundert Jahren gab es einen Bezug zur aktuellen Situation in der Halle?“

„Nein, will ich nicht, aber da ist noch mehr als nur Dein Erlebnis in der Halle. Hör doch erst mal weiter zu. Das Thema wurde sogar in den frühen Übermittlungen gelehrt. Ansatzweise, bis zu einem gewissen Punkt jedenfalls.“

„Nicht das ich wüsste.“

„Eben.“

„Der dreihundert Jahre alte Medizinmann?“

„Dein Humor ist – so außerordentlich – frisch. Nein, er war nicht dreihundert Jahre alt, wäre aber drüber, würde er noch leben. Er hatte zwei Söhne, Zwillinge. Der eine entwickelte sich zwar verzögert, aber letztendlich doch wie erwartet; Verhalten, Lernen, Beziehungen, gewöhnlich und unauffällig. Der andere, Julian, war äußerlich nicht von seinem Bruder

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 2

mehr ändern – ist vielleicht sogar von Vorteil. Da Du nun schon mal hier bist, füttere ich Dir halt gleich die ganze Geschichte. – Apropos, kannst Du mir erzählen, wo Du warst und warum Du erst jetzt in diese Menschenmenge geraten bist? Ich dachte, Du hättest den Turm längst verlassen?“

„Wenn ich das so genau wüsste …, aber Du bist ja noch anderweitig beschäftigt. Implantierte Realität? Was heißt das? Von wem?“

„Ja, die ganze Zeit schon, mehr oder weniger.“

„Unsinn. Du erzählst immer noch Unsinn. Aber o.k., ich warte. Was soll ich auch anderes tun.“

„Moment, ich bekomm das hin, muss nur noch … bin gleich … für Dich da. An diesem Punkt ist eh Schluss, so wie es aussieht. Bleibt auch für mich nur Warten – für uns. – Unglaublich was da abgeht.“

„Gut, setzen wir uns.“

„Auf den Boden?“

„Jupp.“

„Stühle gibt es hier anscheinend keine, und auch sonst nicht viel.“

„Ähm, jedenfalls nicht wirklich.

„Du willst mich veräppeln.“

„Der rosa Apfel, korrekt.“

„Also, ich habe da eine Pumpgun im Rucksack und – ich war sowieso ziemlich sauer auf Dich, und …“

„Ah, komm, immerhin hab ich Dich grad gerettet.“

„Vor einer Halluzination.“

„Nicht ganz. – Wohin bist Du so still abgezogen, während … nachdem Jochen sich verabschiedet hatte?“

„Ich weiß es nicht.“

„Du weißt es nicht.“

„Das ergibt alles keinen Sinn. Ich erinnere mich, neben euch zu hocken, konnte irgendwie durch die Ebenen schauen, war klasse, dann das Rundherum. Plötzlich stehe ich wieder in dem Raum mit diesem Teil, dem Wechsel, und, dieses Wesen vor mir, in mir, was weiß ich, vor dem Wechsel … ein strahlendes Licht im Wechsel? Ich halte die Pumgun in den Händen …“

„Dein Teufel? Hast Du ihn erledigt?“

„Blödmann. Den Part bekomme ich nicht klar. Als nächstes erwache ich auf dem Boden, nackt, benommen, mit dicken Kopfschmerzen und der Erinnerung an einen irren Traum. Der Raum ist leer, nur mein Kev und der Rucksack sind zu sehen. Ich klaube mich auf und mir wird schlecht. Nassraum, raus aus dem Appartement, rein in die überfüllte Halle. Hilfloses Schweben in der Menge. Der Zugang zum Rundherum ist quasi versperrt. Ich treibe die Halle entlang, und in der Ferne klafft ein Loch in der Wand, durch das alle verschwinden. Ganz toll. Den Rest kennst Du anscheinend.“

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Der Wechsel – Wechselspiel – Jochen + Ryka (Ende) – 3

Sie lächelte. Sie lächelte tatsächlich. Und ihr Lächeln war verführerisch, charmant, ließ ihn ihr Lächeln erwidern. Doch dies war mehr, als er im Moment fassen konnte, als er wahrhaben wollte.

„Das Leben entstieg seit jeher dem Wasser, Jochen. Es strömt, frisch und rein, in eine bessere Welt, für jene, die weiter kommen, die vertrauen, sich austauschen, sich hingeben. Eine Welt für die Besseren, die Verbesserten. Du darfst ihnen helfen, wenn Du dies wünscht, natürlich, und dies wird Dein Lohn sein, der Lohn aller, die miteinander ringen.“

„O.k., Du willst mich – allen – Ernstes – veräppeln!“, hörte er sich mit bebender Stimme in ihr Gesicht lachen, während sein Blick zwischen ihren wundervollen Brüsten und ihren nicht minder wundervollen Augen hin und her tanzte.

„Du musst aufwachen, Jochen. Die Noren haben Dich verlassen. Die Dauerformer wurden reprogrammiert. Erwache. Komm zu mir, komm zu uns. Komm in die Tiefe unserer allumfassend Dich wärmenden Mitte. Wir sind bereit für Dich, bereit, Dich umschließend und ganz in uns aufzunehmen.“

Mit voller Wucht schlug er geradlinig in ihr Gesicht. Reflexartig. Sie machte einen Satz nach hinten und ging rückwärts zu Boden. Wer musste jetzt aufwachen? Er öffnete seine verkrampfte Faust, spreizte seine Finger und schwang sie mit einem Ruck durch die Luft. Verdammt! War die Frau aus Stein? Dennoch, ein gutes Gefühl, seine schmerzenden Knöchel. Durchschlagende Wirklichkeit. Simulation hin oder her.

Eine erfrischende Klarheit flutete endlich das massive Vakuum in seinem Hirn. Er hatte nur diese eine Realität. Keine Alternative, als sich in ihr zurechtzufinden oder verrückt zu werden. Verharren war eine nicht wünschenswerte Option. Das Sterben ergab sich zwangsläufig, wie von selbst, früher oder später. Nein, nicht jetzt darüber nachdenken, er musste fokussieren, sich ausrichten, auf die elementaren Fragen. Wie weiter? Ziellos. Bald würden die ersten Überlebenden den Strand erreichen. Das neue Volk für eine bessere Welt. Da schien nur ein Weg zu sein, nur ein Weg der sinnvoll war. Der Weg aus dem Meer, hinein ins Innere dieser Landschaft. Er war neugierig, was er in dieser besseren Welt finden würde.

An der Frau vorbeistreifend – wie hatte sie sich genannt? Kyra? Wo war ihr Smoking? – schnappte er, sich vornüberbeugend, den Apfel, den sie groteskerweise immer noch in der Hand hielt, und stieg zitternd, im Sand stolpernd, die Düne hinauf. Ein leises Fiepen klingelte in seinem Ohr. Nachdenklich betrachtete er den glänzend rosanen Apfel in seiner Hand. Warum hatte er Appetit auf sauren Pudding, von allen Dingen?

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Der Wechsel – Wechselspiel – Jochen + Ryka (Ende) – 2

er, konnte oder wollte aber nicht wirklich erkennen, was es war, das dort unaufhörlich ins Wasser fiel. Eine örtliche Erscheinung? Eine absurde Vorstellung. Dann verebbten der Schwall und die Geräusche. Als wären sie nicht dagewesen. Zuerst. Doch nun glaubte er Schreie zu hören, leise Hilferufe. Rufe nach Hilfe? Sollte er sich wundern? Wundertest du dich in deinem Traum?

Langsam ging er weiter, den Strand hinunter, nicht aufs Meer schauend, die sanfte Brandung seine Füße umspülend, jeder Schritt leicht in den Sand sinkend. Vor sich hin starrend, wurde seine Aufmerksamkeit von einer Bewegung in der Ferne erfasst. Jemand kam auf ihn zu. Er blieb stehen, wartete, ein Ziehen im Bauch, Leere im Kopf. Kalte Hände, deren Finger sich in ihre Handflächen gruben. Er wartete, beobachtete, wunderte sich endlich.

Die Frau näherte sich, bis zu dem Punkt, an dem er ihren Atem spürte, ihre vom Körper erwärmte Luft seine Haut berührte. In ihrer linken Hand hielt sie auf Augenhöhe einen rosa Apfel empor. Eine Bö erfasste ihr langes, glänzend graues Haar und wehte es seitlich vor ihre Schultern, wo es, auf ihre wohlig erhabenen Brüste gleitend, zur Ruhe kam.

„Da bist Du also doch zu uns gelangt. Wie erfreulich es ist für uns, Dich hier wiederzufinden, Dich hier wiederzusehen. Und so will ich Dir nun meinen Namen nennen, denn dieser wurde als Ryka bestimmt. Wir heißen Dich willkommen in einer zukünftigen Simulation einer besseren Welt, Jochen.“

„Was?“

„Hab keine Angst. Fürchte Dich nicht. Denn Du wirst nicht alleine sein.“

Sie wandte ihren Kopf zum Meer und er folgte ihrem Blick auf die gleiche Weise, zwanghaft.

„Sieh!“

Und er sah. Ein Meer voller Menschen. Viele von ihnen schienen mit dem Ertrinken nah. Todesangst und Verzweiflung. Das Geschrei und Gezeter kamen näher, wurden lauter. Ein Becken voll brodelnd, peitschender Hysterie.

„Was ist das für ein Irrsinn? Wo sind wir? Wer bist Du?“

„In einer besseren Welt, Jochen.“

„Das sagtest Du bereits. Meine Wahrnehmung ist jedoch eine Andere als Deine. Dies ist keine Simulation.“

„Und doch befindest Du Dich in einer, Jochen.“

Schon seit längerem plagte ihn diese Frage, und nicht nur ihn, die Frage, ob die Implantate noch immer die gleiche Wirkung zeigten, wie in der Zeit vor dem Brand, als sie konstruiert wurden. Kein günstiger Zeitpunkt für Zweifel. Er blickte ihr geradewegs in die Augen, versuchte sie zu fixieren.

„Genial. Bravo. Applaus. Eine bessere Welt. Natürlich. Ein Meer voll schreiender, hilfloser Menschen, die scheinbar aus dem Firmament gefallen sind und eine unbekleidete Frau, die von einer besseren Welt faselt. Willst Du mich veräppeln?“

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Der Wechsel – Wechselspiel

Jochen + Ryka (Ende)

Dies war kein Traum. Er wusste wie es sich anfühlte, wenn er träumte, wenn er schlief.

Brandungswellen, langsam anschwellend und ebenso langsam wieder abschwellend, schlichen wispernd in sein Bewusstsein. Stetig an Stärke zunehmend, breiteten sie sich vollständig in ihm aus, bis er sich, gleichwohl in seinem Körper, als eigenständig wahrnehmende Instanz, im Außerhalb seines Körpers wiedererkannte.

Als Instanz? Feuchtwarme Luft strich über seinen Rücken und seine Schenkel. Unter ihm kribbelte glitschiger, kühler Sand. Er hob den Kopf, hustete Salzwasser und öffnete die Augen. Im Zwielicht betrachtete er eine Weile die Dünen und wälzte sich schließlich, ohne zu überlegen, langsam um. Eine überwältigende Unzahl Sterne, wie leuchtender Mehlstaub vor glasklarem Schwarz, raste auf ihn zu. Benommen blinzelte er den Effekt weg. Am Horizont, zwei liegende Halbmonde, auf dem Meer schwimmend; Zwillinge. Noch wagte er keinen klaren Gedanken. Immerhin, er lebte, zweifellos, aber war das sinnvoll?

Er betrachtete die Sterne. Die Sterne. Fasziniert flexte sein Blick über den Nachthimmel. Ein Schauer pulste durch Glieder, die noch nicht wieder ganz die seinen waren. So oft er auch einen Versuch unternahm, er konnte kein Sternzeichen erkennen. Nur das glitzernde Band der Milchstraße lag vertraut vor dunklem Nichts, das Alles enthielt. Er schloss die Augen.

Was tun? Liegen bleiben? Offensichtlich befand er sich allein, nackt, an einem unbekannten Ort und unter unbekanntem Himmel. Er versuchte zu entspannen, an das Notwendige zu denken. Was war das Notwendige? Süßwasser, Nahrung, Schutz. Über die Reihenfolge war er sich noch nicht ganz im Klaren. Süßwasser schien jedoch bald zum drängendsten Problem zu werden. Abrupt brach hysterisches Gelächter aus ihm heraus, befreite sich aus den Fesseln seiner Angst. Was für eine abgefuckte Situation. Er wälzte sich im wässrig weichen Sandbett, schlug mit den Fäusten in die Gischt. Tränen rannen über seine Wangen, verloren sich im Salzwasser. Ihm wurde schwindelig. Abrupt stand er auf, schwankte kurz, und begann zu laufen, am Rande des Meeres entlang, gedankenlos, schnell, schneller.

Wie lange war er gerannt, flüchtend vor sich selbst, Minuten, Stunden oder gar schon seit Jahren? Kein Zeitgefühl, wie zuvor. Zuvor. Er erinnerte sich. Der Wechsel. Der Stamm. Silvie. Ein einzelner Stern. Danach nichts mehr. Sein Erwachen am Strand. Die Sterne.

Er verlangsamte seinen Schritt. Weder das Schwarz der Nacht, noch die Position der Monde hatte sich verändert. Doch da war etwas Anderes, etwas Neues, beständig irritierend, aus dem Augenwinkel heraus und als hochfrequentes Summen in seinem Kopf. Er blieb stehen, blickte erneut hinüber zu den reflektierenden Halbkreisen. Aus einer schmalen Spalte drängend, scheinbar parallel zum Horizont, ergossen sich leise klatschend zahllose winzige Objekte ins Meer; ein äußerst lebendiger Wasserfall. Ein Wasserfall, der in hoher Tonlage summte und pfiff. Angespannt beobachtete

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Der Wechsel – Wechselspiel – Starf + Suzan – 5

der anderen Seite löst sich ein poppendes, luftiges Knattern. Uuuuuhhhhhhhh. Rundherum Erleichterung, Erlösung.

Das System ist Fail-Safe, heißt es. Mit einer Last weniger im Gepäck, jedoch bleibendem Knarzen, haste ich, im Schritt den Beckenzip schließend, zurück in den Scannerraum vor die Anschlüsse, und binde mich ein, verfolge, prüfe, scanne, staune.

Nach einer Weile konzentriertem Tun, beginne ich an meinem Implantat zu zweifeln, angesichts dessen was sich da auftut. Es wird wohl besser sein, ich binde mich auch in die Hallen der restlichen Türme. Von Ebene zu Ebene transferierend, ein Turm nach dem anderen, zieht der Wahnsinn in mir vorbei. Über die gesamte Ballung, das gleiche Bild. Nur der innere Bereich, das Zentrum, die Sub, scheinen nicht betroffen. Warum registriert das niemand? Warum werden da keine Wächter entsendet?

Wieder zurück, fallen mir zwei über die Menschenmenge ragende Hände mit einer Schaller auf. Ich binde mich gezielter ein, komme näher und erkenne Silvie, wie sie stirnrunzelnd den Freiraum über sich anstaunt. Fuck. Wie kommt denn die jetzt da hin? Ich löse mich, eile hinüber zur Hallenwand und öffne den Zugang.

Ein Knall. Heilige Scheiße. Eine Explosion? Die Schaller?! Ich lehne mich nach draußen und sehe Silvie ein paar Meter entfernt in der Menschenmenge treiben. Von der Masse Angeschlossener gedrängt, kommt sie näher, fuchtelt mit den Händen über ihrem Kopf an einer Monoschaller, und steckt sie schließlich, merkwürdig umständlich, in den Halbpack über ihren Schultern. Monoschaller, Halbpack; was für ein Mist. Als wären alle in einer abgedrehten Simulation. Sie driftet zu mir, weiter, weiter, am Rundherum vorbei, bis sie auf Höhe der Öffnung ankommt. Ich lehne mich soweit möglich in die Halle, greife ihren rechten Arm und zerre sie, durch die nachdrängende, schiebende Menge hindurch, in meine Richtung. Erschrocken blickt Silvie überall hin, nur nicht zu mir. Einige der Angeschlossenen, die scheinbar besinnungslos einen Fuß vor den anderen setzen, stolpern, fangen sich, taumeln weiter. Silvie sieht meinen Arm, lächelt ein breites Grinsen, schaut mir endlich in die Augen und scheint mich erleichtert zu erkennen. Ich hole sie dicht an meine Seite, greife um ihre Hüfte, ziehe uns beide zurück in den Scanner, lasse sie wieder los und wische die Öffnung weg.

„Starf?!“, sie wendet sich zur Halle, starrt gegen die blanke Wand, „Was? Meine Pumpgun?!“

„Steckt in Deinem Rucksack.“

Sollte ich mich auch noch in die anderen Ballungen einbinden? Obwohl, eine globale Aktion? Schwer vorstellbar, oder? Oder doch? Junge, mach es einfach.

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