Die Zeitwaisen

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stürmeerwischt in gepflügtenen eiligenheiten reigen wir uns von gegeneinanderer im zaum gehaltener hineingaben verschronnen vor dem kuntergrund trapetzerie wandelnder diesbezüge überfallenem jenseits vertrunken im partrickelndem seinschein splitterbuntem graureifs dich erspürend in pulserierenden gravuren deiner wunderwärmend lebendigen hand in hand über hand unter hand fest ineinander gleistend im ström regelent brassender witterwinderungen verschlungernder pfaden deiner stimme flauschig schwerenden samtfühlerungen gehörig - oh der umklang deiner stimme dieser stimme die mich sänftig herb fesselnd auflöst auflösend fesselt von moment zu moment von augenblick zu augenblick - der im widerstand meiner entschlossenen lippenhäute erregende andruck deiner prickelnde feuchte in meinen gemächtlich zöglichterloh nachgiebenden mund pressenden zunge nassrauhen lustfleisches kitzeln - dann die zeit die zeit die zeit die zeit in stillen gravuren deiner wundersam kühlenden hand verschollene gedanken an die geringerung der umhangenden zerrinnerung verrauntet im schlachentrief der gegebenenden unvergeblichtenen versinndet in dinglichtungen unendlichter ringschlüsse lichter dunklingenden - nein kein letztes mal der wärmende duft deiner weichenden nacken härchen

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Über dies

in: Im Scheinen der Dinge — Milbeaut Expeed 4 FX 24.3

Feuerabend in der Zivilisation Feuerabend in der Zivilisation

Die Fotografie in dieser Serie, ebenso wie die Fotografie in „Die Dinge die da sind“, illustriert nicht, jedenfalls nicht konzeptuell.
Mich interessiert die Situation als solche, das Licht, die Dinge und ihre visuelle Wirkung, ihre fotografische Interpretation, nicht die Situation als Komposition aus Requisiten, um durch die Fotografie einen Zusammenhang abzubilden, der außerhalb dieser Situation existiert.

Im Unterschied zu den Aufnahmen im Bereich „Die Dinge die da sind“, fotografiere ich für diese Serie mit einer hochauflösenden digitalen Spiegelreflexkamera.
Während also die einen Aufnahmen mit der Kamera eines Smartphones gemacht werden, mit einer Kamera fester Brennweite und relativ geringer Auflösung, die sich über ihre Positionierung hinaus in keiner Weise steuern lässt und die Entwicklung der Aufnahme als JPEG gleich mit übernimmt, das Fotografieren quasi einer Hightech Polaroid Lomografie gleicht, schafft die vielfältig steuerbare DSLR zusammen mit ihren Wechselobjektive Aufnahme- und Wiedergabemöglichkeiten, die so mit dem Smartphone nicht realisierbar sind, und ermöglicht dem Fotografen, wie in der analogen Film basierten Fotografie, die Entwicklung der RAW Daten - dem inhaltlichen Äquivalent des Negativs - zum fertigen Bild.

Im Fall der Smartphone Kamera sind auf Grund der unberechenbaren Umsetzung des gewählten Ausschnitts und der Lichtsituation durch die Kamera, teilweise mehrere Aufnahmen erforderlich, iterierend die Kamerahaltung korrigierend, bis da die eine Aufnahme entsteht, die so passt wie auf dem Monitor gesehen. Im Fall DSLR/RAW ist die Aufnahme geplant, eingestellt, abgestimmt, parametrisiert, die Umsetzung wesentlich zuverlässiger. Natürlich nehme ich auch hier mehrfach auf, jedoch aus anderem Grund, wie z.B. für Belichtungsreihen.

Die zu fotografierende Situation wird ausgesucht, jedoch nicht inszeniert. Die Situation existiert unabhängig von meinem Zutun, nicht jedoch meine Wahrnehmung und deren Inszenierung durch das Handling der Kamera.

In vielen Fällen würde eine fotografisch exakte Abbildung der vor Ort wahrgenommenen Situation, tatsächlich nicht der Wahrnehmung vor Ort entsprechen.
Das heißt, visuell würde das auf der Fotografie Abgebildete zwar in etwa dem entsprechen, was auch ursprünglich auf der Netzhaut ankommt, dessen Wahrnehmung also vor Ort Anlass für die Fotografie ist.
Das was auf der Netzhaut ankommt, ist jedoch meistens nicht das, was auch wahrgenommen wird. Das System Auge plus alle anderen Sinne plus Gehirn funktioniert anders als eine Fotografie, die zwar ein zweidimensionales, optisch korrektes Abbild liefert, losgelöst von der komplexen, vom Gehirn umfangreich gefilterten, ursprünglichen Situation, aber eben genau diese Filterung nicht so ohne weiteres reproduzieren kann.
Die Übertragung des vor Ort Wahrgenommenen in die Fotografie, geschieht durch Wahl von geeignetem Objektiv, Ausschnitt, Perspektive, Schärfeverlauf und Belichtung. Die resultierende zweidimensionale fotografische Abbildung gleicht der ursprünglichen Situation also nicht notwendigerweise visuell, wie allein vom Auge gesehen, sondern ist das Ergebnis des Versuchs mittels der Fotografie die Wirkung des vor Ort Wahrgenommenen, wie wahrgenommen und nicht nur wie gesehen zu reproduzieren.

Unter Umständen entsteht eine Aufnahme, die sogar stärker ist, als die vor Ort ursächlich wahrgenommene Situation, entsteht etwas Neues.
Insofern handelt es sich auch um keine dokumentarische Fotografie, wenngleich andererseits natürlich jegliche Fotografie, die nicht nachträglich manipuliert wurde, eine existierende Situation visuell abbildet, dokumentiert.

Meine Fotografie — Perspektive, Ausschnitt, Schärfe, Licht- und Farbumfang — entsteht durch das Fotografieren, nicht durch anschließende Bearbeitung, Verfremdung oder anderweitige Manipulation des digitalen Materials, mit dem Ziel erst durch diese Bearbeitung eine bestimmte, über die ursprüngliche Fotografie hinausgehende Aussage zu produzieren.

Die Aufnahme im RAW Format wird hinsichtlich Kontrast, Farbe und Schärfe, der erinnerten Situation entsprechend entwickelt, in einem Umfang der auf Methoden der analogen Fotografie basiert.

Die Titel funktionieren auf einer eigenen Ebene, stehen in keinem ursächlichen Zusammenhang mit der Aufnahme, jedoch in Beziehung zu dieser.

Der Farbraum der Fotografien ist ProPhoto RGB. Beim Betrachten in Browsern und Programmen die kein Farbmanagement beherrschen, sind grobe Farbabweichungen zu erwarten.

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Stunden Projekt

Hallo Herr W.,

wie von Ihnen angefordert, habe ich in den mir von Ihnen zur Verfügung gestellten Planungskalender, im Excel Format, auf Grundlage des beiliegenden Ausfüllmusters (Tabelle "Muster" - die für die jeweiligen Tage eines Monats rot markierten Einträge), die Vorabplanung meiner geplanten Stunden für den Zeitraum Mai bis Oktober, nicht exakt aber wie gewünscht taxierend, eingetragen.

Nein, selbstverständlich sah ich davon ab, daraus eine Wissenschaft zu machen. Tatsächlich gelang es mir sogar, die 15 Minuten Vorgabe des von Ihnen genannten Kollegen zu toppen. Bis zum Abschluss der Aktion, obschon nicht ganz im von Ihnen vorgesehenen Maße, wie von mir im Folgenden erläutert, waren von meiner Seite aus nur knapp 10 Minuten erforderlich. Das ist ganz klar absolut zumutbar. Ihre Einschätzung diesbezüglich war vollkommen korrekt.

Bei dem Versuch die Urlaubsstunden zu ermitteln, die laut des vorliegenden Ausfüllmusters in der gleichen Form einzutragen seien wie die Tätigkeitsstunden, wurde ich jedoch stutzig. Mir ist nicht wirklich klar, welche Art Eintragung ich dort genau vornehmen sollte, ohne dass ich nun doch die Absicht entwickelte, eine Wissenschaft daraus machen zu wollen, und vor allem, warum? Zumal die Eintragung dieser Werte keinen Einfluss zu haben scheint, auf jene Werte, der auf Basis der eingetragenen Tätigkeitsstunden in den Mappen automatisch berechneten Einträge, und jene Werte der Tätigkeitsstunden keinen Einfluss auf diese Stunden der Nicht Tätigkeit.

Da ich in meiner Eigenschaft als selbstständig handelnder Freiberufler für ein durch Sie vermitteltes Projekt eines Dritten tätig sein werde, und meine Urlaubspläne naturgemäß nicht Teil eines solchen Projektes sein können, sehe ich mich nicht in der Lage, eine sinnvolle Angabe darüber zu machen, für wie viele Stunden ich nicht im Projekt tätig sein werde, an den Tagen an denen ich nicht im Projekt tätig sein werde.

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Fundamente der Gerächtigkeit

„Und so wie gerufen, da kamen sie, zusammen, die geistig inkontinenten Söldner fundamentaler Gerächtigkeit und ihre Schar unseliger Mitläufer und Gönner, nach langem Warten und zur Rechten Zeit, endlich wieder ein Feind, der sie alle vereint, ein ganz eigener Feind, ein Feind, welcher sinnlos Leben nun umfassend mit Sterben belohnte, ein Feind, der den Weg frei räumte, frei räumte für die, ihre Hände im Öl der Unschuld Badenden fundamentaler Gerächtigkeit.“


Paula Harkuun Salem-Ram, „Die Letzten werden nie die Ersten sein“, isi. 2053

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Ape Won – Alles ist Fremd – 10

„Auf Nimmerwiedersehen dann also.“

„Einen Rat noch. Achten Sie mehr auf die Dinge an sich, nicht so sehr auf deren Bezeichner.“

„Hatten Sie einen Philosophen zu viel heut Morgen?“

Augenzwinkernd hebt er die Hand leicht winkend zum Abschied, geht die Stufen bis zum ersten Absatz hinunter, und verschwindet in der Rundung hinter dem massiven Treppenhauskern. Mein Gesicht entspannt sich ein wenig, ich klopfe an Martins Tür und lausche auf Schritte. Nichts. Ich klopfe erneut. Nichts zu hören. Ein letztes Mal. Stille. Ich drehe mich um, überlege was ich tun soll, drehe mich zurück und klopfe doch noch einmal. Nichts. Ich klopfe. Nichts. Ich warte. Ich klopfe. Nichts. Ich überlege, entweder ist er nicht zu Hause – doch wo sollte er sein um diese Zeit – oder er leugnet das Klopfen. Vielleicht der Schock durch die morgendlichen Ereignisse, oder das schlechte Gewissen, mir diesen Typen hinterher geschickt zu haben. Das schlechte Gewissen nach einer Lüge. Sofern er ein Gewissen hat. Macht das Sinn? Er wird uns beobachtet haben, belauscht. Ich klopfe ein weiteres letztes Mal. Die Tür bleibt verschlossen. O.k., alles ist gut. Das wird sich klären. Mit der rechten Hand ziehe ich den Schlüsselbund aus der linken Gesäßtasche, die Finger finden den passenden Schlüssel und das Schloss. Doch ich kann die Tür nicht aufschließen, der Schlüssel lässt sich nicht drehen. Die Tür ist gar nicht abgeschlossen. Hatte ich vergessen die Tür abzuschließen? Unwahrscheinlich, aber möglich. Ich drücke die Klinke nach unten, die Tür nach innen, ziehe meine Schuhe aus und gehe hinein, drehe mich um, bücke mich, nehme die Schuhe auf, klappe die Tür zu, stelle die Schuhe auf die Schuhablage neben der Tür, wende mich wieder zurück zur Tür und schließe ab. In der Küche, auf dem Weg ins Arbeitszimmer, lege ich Portemonnaie, Schlüssel und Revolution auf den schwedischen Küchenwagen aus China. Ich gehe am Kühlschrank vorbei und habe Hunger. Nicht jetzt. Ein paar Schritte weiter, auf leicht knarrend federnden Dielen, quer durch ein anderes Zimmer, bleibe ich vor dem Schreibtisch stehen und rüttle an der Maus den Computer aus seiner Ohnmacht. Draußen scheint noch immer die Sonne, reflektiert von der Hauswand gegenüber, zwischen leuchtend grüne Blätter hindurch, hinein zum Fenster, hinein in das Zimmer. Ein Surren rechts hinter mir, hinter hellen, weißen Wänden. Ich lausche dem Surren und verharre. Lausche dem eindringlichen Surren. Janosh hat einen Schlüssel. Soll ich öffnen? Nichts bewegt mich. Ich erwarte niemanden. Surren steht für Werbemüll und die Paketlieferung an einen Nachbarn. Das wird aufhören, das Surren. Das Surren wird aufhören.

Ich setze mich auf die ergonomisch federnde schwarze Mechanik vor dem vierbeinig gespreizten Statum. Der Bildgeber, Gestennehmer, Vermittler zwischen einem hochentwickelten Zellklumpen und einer erwachenden, relativ komplexen Rechenmaschine – beide unter Spannung –, erreicht alsbald den Zustand vertrauten Leuchtens. Dem betörenden Leuchten der Sonne. Wo war ich, bevor ich diese Stätte verließ?

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Ape Won – Alles ist Fremd – 5

Weit über unseren Köpfen verfängt sich das grelle Licht der Sonne bei 32K im Grün dichten Blätterwerks. Mit dem was übrig bleibt, malt sie in 2880 dpi impressionistisch flimmernde Lichtflecken auf die Pflastersteine des Weges. Zu unserer Linken abgestellt, vermeintliche Selbsts der Aufbewahrten, Raum bildend, so wie zu unserer Rechten die Gitter und Mauern vor ihren Schutzstätten. Unsichtbare Vögel zwitschern fröhlich in THX zertifiziertem DTS Surround Original Sound. Hin und wieder, Schritt für Schritt, blickt Herr „Draußen ist Krieg“ nervös um sich. Die Anspannung in den Wangen schmerzt. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

Auf der zur Straße gelegenen Terrasse nehmen wir Platz. Ein runder Tisch zwischen uns. Ich sitze mit dem Rücken zum Kaffee, er mir gegenüber. Hinter ihm der leere Gehweg, die Fahrstraße und der voll geparkte Marktplatz, an dem entlang die Hauptverkehrsstraße samt Verkehr in einer Kurve unter die S-Bahn Brücke taucht. Keine Bäume hier. Reinstes Blau spannt tief hoch oben. Die Dinge um uns herum scheinen überbelichtet; die Dinge, die da sind. Ein Ober kommt an den Tisch. Mit halb zugekniffenem linken Auge blicke ich ihn an und bestelle einen Cappuccino, der Fremde einen Kaffee, schwarz, ohne Zucker. Das Weiß der Decke erblindet mich beinahe.

„Sie irren sich offensichtlich. Sehen Sie?

„Des Sonnenschein trügerisches Blenden mag sie von Zeit zu Zeit erblinden.“

„Ach kommen Sie, genießen Sie ihren Kaffee, das angenehme Wetter und den Frieden.“

„Ihr Blickwinkel ist sehr eingeschränkt.“

„Na Sie reden doch die ganze Zeit nur vom Krieg. Ist Ihnen nicht furchtbar warm in dem Anzug?“

„Jetzt wo Sie das sagen, ja.“

Er knöpft mit der rechten Hand sein Sakko auf, greift unter die linke Seite, holt die Hand wieder hervor, legt sie auf den Tisch und zieht sie langsam zurück. Die Waffe bleibt liegen.

„Sind Sie irre? Warum haben Sie eine Pistole?“

„Sprache ist oft eigenartig, eigenartige Zufälle, Kombinationen von Buchstaben. Schauen Sie, zum Beispiel das Wort Waffe. Es enthält das Wort Affe. Der englische Begriff ebenso, wenn auch nicht so offensichtlich. Wundersamer Weise lässt sich aus den Buchstaben sogar ein sinnvolle Wortfolge kombinieren. Ape won.“

„Toll. Spätesten im Französischen scheitert ihr Wortspiel.“

„Das ist nicht von Bedeutung.“

„Haben Sie einen Waffenschein?“

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Ape Won – Alles ist Fremd – 2

„Ukraine, Gaza, SMS, IS, Irak, MH370, MH17, WHO, Deutsche Bank, Antibiotika, Vollbeschäftigung, Waffenindustrie, NSA, NSU, BILD, Syrien, Religion, Organhandel, Roundup, Hunger, Ebola, Öl, Internet, Amazon, Facebook, Google, Galileo, Brown, Foley, und so weiter [Anm. d. A.: Bitte ersetzen ∨ erweitern Sie diese Schlagworte durch Schlagworte aus Ihrem eigenen Tunnel ∨ durch solche Schlagworte, die zur Zeit Ihrer Lektüre aktuell sind. Vielen Dank.], Namen und Orte spielen keine Rolle.“

„Da sagen Sie was. Sagen Sie einfach Mensch. - Kein Zweifel, die haben einen Passagier weggemacht. Ganz unauffällig! AIDS Konferenz. Vielleicht haben Sie das übersehen?“

„Nein, nein, hören Sie mir bloß auf mit diesen banalen Verschwörungstheorien. Echte Menschen sterben!“

„Sie machen merkwürdige Sätze. Die meisten Menschen sind echt, und sie sterben irgendwann; meistens ahnen sie auch davon nichts. Menschen sterben jeden Tag, hunderttausende lebende Tote nicht gezählt. Wir alle sind nur zeitweise. Was sollen wir tun? Ausreisen? Fliehen? Wohin? Uns dieser oder jener politischen oder religiösen Sekte anschließen, Irre werden, sinnloses Töten propagieren, selbst sinnlos Töten, sinnvoll Töten, invertierte Selbstschussanlagen reaktivieren, Passagierflugzeuge hochrüsten, Afrika verhungern statt verhandeln, Ausbeuten, Ausbeuten, Ausbeuten, Internet verbieten statt verkaufen, schreiben, schreiben, schreiben, reden, reden, reden, Ha Haha, an fremde Türen klopfen? An der Oberfläche scharren?“

„Leben geben, statt Leben nehmen. Bedingungslos.“

„Überbevölkerung? Menschen sterben? Mehr Leben, mehr Tod?“

„Zyniker? Sie nehmen mich nicht ernst, nehmen nicht ernst, was ich Ihnen sage. Immerhin denken Sie, oder Sie versuchen zumindest zu denken.“

„Ein Fluch. Nennen Sie mir einen Ausweg. Ich nehme Sie nicht ernst, nehme nicht ernst was Sie sagen? Zyniker? Überbevölkerung?!“

„An Interessen gebundene Propaganda. Ein Viertel der Menschheit, Tendenz steigend, verbraucht ein Übermaß an Ressourcen, die dem doppelten der aktuellen Population, bei mäßiger, effizienter, nachhaltiger Nutzung, ein mindestens ebenso gutes Leben ermöglichen würden, und zwar allen, und auf Dauer; im menschlichen Maßstab. Was heißt das wohl für die aktuelle Menschheit? Betrachten sie dies weiterhin unter dem Aspekt der Evolution, auch das macht Sinn.“

„Propaganda. Pickel, alles Pickel. Evolution lässt sich nicht steuern, sie geschieht. So oder so fehlen die Milliarden an Menschen, die in die gleiche Richtung blicken wie Sie. Davon abgesehen, wollen Sie wirklich Milliarden Menschen, die in die gleiche Richtung blicken? Und können Sie Ihre Zahlen überhaupt belegen, nachprüfbar, zweifelsfrei, sozusagen objektiv? Dennoch, interessante Pickel die Sie da haben. Möchten Sie nicht herein kommen und mir Ihre ganze Geschichte erzählen?“

„Ich vertraue Ihnen nicht.“

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Ape Won – Alles ist Fremd

An zwei Monitoren vorbei blicke ich auf das alte Kastenfenster und seine zwei Glasscheiben. In der unsichtbaren Sommersonne angenehm leuchtend grüne, stumme Blätter, lassen meinen Blick verharren bis ihr Abbild beginnt zu solarisieren. Eine erfrischende Ahnung von klarem, blauem Himmel. Stille. Windstille. Nordseite. In der Wohnung gegenüber läuft, wie so oft, ein Zeichentrickfilm. Die Zeitanzeige, links unten auf dem rechten Monitor, 11:21. Ich bin ein Kind der Sonne. Sonnenschein macht mich glücklich, wahnsinnig glücklich. Auch damals, zu Fuß die Ngong Road entlang, in heißes Feucht getaucht, kurz vor dem Ertrinken in dieser scheinbar stagnierenden Wärmeflut, hatte ich keinen Hass auf die Sonne. Im Gegenteil. Sterben mit der Sonne glühenden Wärme auf meiner Haut, muss eine angenehme Art und Weise sein das Licht auszuschalten.

Klopfen im Hintergrund. An der Tür? Ja, muss die Tür sein. Klopfen an der Tür. Aber wer oder was klopft , und warum? Ich erwarte nichts und niemanden. Klopfen. In beinahe regelmäßigem Abstand nun. Klopf, klopf, klopf. Ob das mal aufhört? Warum klopfen und nicht klingeln? Ein Zwerg? Gut, ich schnappe mir die weiße Fahne, schiebe die Maus nach vorne, stehe auf, gehe durchs Zimmer, die Küche - ein paar Kinder spielen kichernd mit dem Fußball auf dem Parkplatz zwischen den Häusern -, in den Flur. Da klopft wirklich jemand auf die Wohnungstür. Vor dem Spion steht ein großer Mann mit dunklem Gesicht, Nickelbrille, kurzem, graumeliertem Vollbart und noch kürzeren blonden Haaren. Er trägt einen schwarzen Anzug mit makellos weißem Hemd unter dem Sakko und einen hell rosa Schlips. Sein Anblick fasziniert mich. Ich drücke den Riegel aus der Falle, ein Knall auf Metall, und öffne vorsichtig die Tür. Wir schauen uns in die Augen. Meine schweifen kurz ab. Nackte, umwerfend schöne Füße. Ein wohliges Gefühl schwärmt in meinen Kopf.

„Draußen ist Krieg!“

„Was? Wovon reden Sie?“

„Lesen Sie keine Zeitung? Fernseher, Radio, Internet?“

„Letzteres. Draußen ist kein Krieg.“

„Woher wissen Sie das?“

„Nicht aus der Zeitung.“

„Das sagten Sie bereits.“

„Also …“

„Unschuldige Menschen sterben.“

„Machte das einen Unterschied, Schuld oder Unschuld?“

„Nehmen Sie Passagierflugzeuge. Hunderte unschuldige Menschen, die nichts ahnend umher fliegen, stürzen vom Himmel.“

„Von wem sonst. Nichts ahnend? O.k., aber woher wissen Sie, dass die alle unschuldig sind? – Diesen Krieg meinen Sie. Die Ukraine.“

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Volle Pulle Leben

In meiner Zelle sitzend. Neben mir die Tür, verriegelt. Stimmen um mich herum.

„Haben die keine für Kinder?“

„Geh, ich warte auf dich!“

„Warum sind hier so viele Türen?“

Was geschah bisher?

Geboren an einem sonnigen, heißen Sommertag als Nachfahre einer Prinzessin und eines Stallburschen. Ah, nein, das führt jetzt doch zu weit, zurück.

Spät rein ins Bett. Spät raus aus dem Bett. Anziehen, Frühstücken, Zähne putzen, Packen. Wasser aus Bad Neuenahr, Fruchtsaft aus Berlin, Nüsse aus Brasilien, Mini Moleskine und Faserstift. Alles rein in den kleinen Rucksack. Übliche Radtour entlang dem Mauerweg, der doch immer wieder anders ist, immer wieder neu für das Kind. Raus aus Berlin im Süd-Süd-Westen, Natur, Natur, rein nach Berlin im Süd-Süd-Osten, weiter den Mauerweg zwischen Strauch und Baum, Pferdekoppeln links liegen lassen, endlos zwischen Teltowkanal und E 36, nonstop Richtung Mitte, vorbei an Jacobs Krönung, grün und monumental, durch Parkweggeschlängel zur Kugel auf Stelze in Straßenflucht, und wieder am Wasser, vorbei an duftenden, laut pulsierenden Wiesenpartys, vorbei an Malerei verzierten Mauerrestbeständen und vorbei an einer aus dem Jenseits driftenden Rohbauruine, und dann, Endspurt mit Biege am Ostbahnhof zum Hinterhof Alex.

Aprilwetter, Nase läuft. Druck ablassen unvermeidlich vor dem Saft, Cappuccino, Erdnuss Ritual mit Leute schauen. Im Kaffee zu viele, blockieren das WC. Wird wohl länger dauern. Nein danke. Hinhocken auf dem Alex? Nein, auch nicht. Das übliche WC-Angebot im Bahnhof hinter der Straßenbahn kommt in den Sinn. Suchen und Finden. Kostet natürlich. Ein Eurostück. Plastik keine Option. Gegenüber in der Apotheke eine Flasche Sagrotan und eine Tube Canesten erhalten. Empfehlung der Verkäuferin. Plus umsonst Taschentücher. Gut beobachtet. Und irgendetwas musste ja gekauft werden. Des Volkes Bank Geldautomat erbrach wie erwartet nur Papier. Hätte auch Touristen anhauen können. Can you give me one Euro, please? I have to defecate. Zu spät.

Eine Zelle weiter vor, kräht lauthals ein Hahn, zwei Mal. Dann spricht er.

„Hallo?“

-

„Ja, ich bin am Bahnhof, auf dem WC.“

-

„Ja!“

-

„O.k., gut, wir treffen uns auf Bahnsteig B, bis gleich.“

Klopapier raschelt, Stoff raschelt, Gürtelschnalle klackert, Spülung. Mein Einsatz. Klopapier raschelt, Stoff raschelt, Spülung.

Volle Pulle Leben.

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 28

„Die klobigen Schuhe passen aber nicht wirklich zum Anzug. – Ja, das war meine Idee.“

„Und dann? Weiter zum Stamm, Stefan?“

„Wäre ungeschickt, wenn wir dort zusammen erschienen. Du bringst die Beiden alleine, ich bleibe in der Sub, und dann auf zu neuen Ufern. “

„Halt, Stopp, ich hab mich doch noch gar nicht entschieden. Vielleicht fragt ihr mich erst mal. Und woher wisst ihr, ob Suzan …“

„Du hast recht, aber wo willst Du hin? Dein Turm? Die Türme? In wenigen Minuten Geschichte. Du bist gestrandet. Die Sub?“

„Silvana, hast Du mal darüber nachgedacht, ob eine Welt, in der Du direkt und unvermittelt agieren kannst, nicht eine bessere Welt wäre? Eine Welt in der Du Ideen entwickelst, die direkt und leibhaftig durch Deine Umwelt und die in ihr agierenden Menschen inspiriert werden? Durch Deine unmittelbare Erfahrung mit Deiner Umwelt und in Deiner Umwelt, und nicht nur durch deren Schemen und Abbilder. Eine Welt in der Du eigenständig und leibhaftig voranschreitest, anstatt nur im Anschluss gebunden, geleitet und kanalisiert durch jene, welche den Anschluss und somit Dich kontrollieren? Der Stamm ist sicher nicht die beste Lösung für alle Fragen, aber vielleicht ein erster Schritt. Ein erster Schritt in eine lebendigere Welt. Im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Ryka, ist jetzt nicht der rechte Zeitpunkt. Wir klären das in der Sub, gemeinsam mit Suzan. Natürlich ist das Deine Entscheidung, Silvie.“

„Mag sein, wenn ich auch kaum eine Alternative sehe. – Was ist mit Deiner aktuellen Anfrage?“

„Können wir nicht nachher …? – Ich denke, die ist ebenfalls Geschichte. Werde aber nochmal versuchen Kontakt aufzunehmen. Ansonsten, in der Sub kurz abgleiten, Gedanken sortieren, und anschließend meinen Schifter auslösen. Auf gen Norden, in die Berge. Das Biogese Projekt von dem ich Dir erzählt hatte.“

„Was ist das jetzt wieder? Boah, meine Ohren, dieses Fiepen … könnt ihr das nicht abstellen …?“

„Nein, das lässt sich nicht abstellen. Erledigt sich aber in ein paar Minuten von selbst. Keine Panik. Einen Moment länger bleibt der Scanner noch stabil. Wenn das Fiepen allerdings zum Rumpeln wird …“

„Stefan, ich habe darüber nachgedacht. Über das Biogese Projekt. Das klang alles sehr vielversprechend. Deshalb habe ich mir erlaubt, uns dort als Team vorzuschlagen. Sie sind sehr interessiert. Nicht verwunderlich. Wärst Du einverstanden? Nach langer Zeit wieder eine enge Bindung?“

„Sieh einer an. Dominant wie eh und je. Auf Dich ist wirklich Verlass. Wir reden, wenn Du zurück bist. Dann weiß ich mehr. Darf ich die Damen jetzt bitten mir zu folgen? Die Vibrationen …“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 25

„Hör auf damit. Bin ich für PARK und den Stamm unterwegs, oder Du? Was ist mit den Wächtern? Den Nomaden? Dem Stamm?“

„Das meinte ich gerade. Die Sache ist folgende. Nicht nur hier im Turm wird intensiv geschwuppt. Das sieht nach keiner nur lokalen Anomalie aus, wenn es denn so einfach wäre. Das ist ganz offenbar ein globales Phänomen, das alle 27 Ballungen betrifft. Ich nehme an, der Stamm ist inzwischen informiert. Doch was sollen sie tun? Das Trauma wiederholt sich. Schon vor dem Brand waren sie zu passiv. Sie hätten das kommen sehen müssen. Sie hätten ihre Sache stärker forcieren müssen. Sie hätten umfangreicher rekrutieren müssen. Sie hätten Vorbereitungen treffen müssen. – Stattdessen sitzen sie im Kreis herum und halten Händchen, und betrachten die Wechsel als rein technische Erscheinung.“

„Und PARK?“

„Kann ich nicht sagen, bekomme keine Verbindung mehr hin. Diese Entführung, die in Richtung PARK weist, die ergibt ebenfalls keinen Sinn. So wie die Situation sich entwickelt hat … ich denke, Park wurde ebenfalls überrascht. Es gab Andeutungen, doch Informationen die auf ein Ereignis dieses Umfangs hätten schließen lassen, kamen nicht von ihnen. Keine Ahnung warum geschieht, was geschieht. Nicht mal ansatzweise. Vielleicht ein Freak of Simulation im Zusammenhang mit den G-Sporen. Länger im Turm bleiben ist keine Option. – So schnell kann sich eine sinnvolle Auswahl möglicher Handlungen einschränken. – Suzan und ich, wir wollten uns im Nachbrand treffen, nachdem ich hier abgeschlossen habe. So wie die Dinge stehen, kommst Du am besten mit und wir sehen dann weiter. Bin mir nicht sicher, ob sie da sein wird. Ich denke aber schon, sofern ich mich nicht gänzlich in ihr getäuscht habe. Vielleicht sogar in Begleitung von Josey. Aber wirklich sicher bin ich mir nicht bei ihr. Nicht so sicher wie bei Dir.“

„Ich meinte auch nicht in diesem Turm. Ich meinte, in meinem Appartement. Macht wohl keinen Unterschied mehr, wenn ich Dich richtig verstanden habe. Weiß sie denn? Wer ist Josey?“

„Von mir nicht, noch nicht, doch das war letztendlich die Idee.“

„Wie kommen wir jetzt raus aus dem Turm?“

„Nicht mehr durch die Halle.“

„Und?“

„Sie müsste gleich eintreffen.“

„Wer müsste gleich eintreffen?“

„Meine Partnerin. Von der ich Dir vorhin erzählte.“

„Oh.“

„La Grand Dame d‘Organisation. Ich bat sie, uns abzuholen.“

„Besteht denn das Problem in der Halle noch? Wo kommen die alle her?“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 23

Verbinde Dich dem Stamm, der Gruppe, der auch Jochen verbunden ist. Du scheinst in Deinen Gedanken unabhängiger, als der übliche Angeschlossene. Im Stamm werden sich Dir neue Aufgaben stellen, jenseits vom Anschluss in den Türmen. Zwar neigt dieser Teil des Stammes ebenfalls zu einem quasi religiösen Überbau, aber längst nicht in dem Extrem, wie die Animalisten. Das was ich Dir erzählt habe, kann Dir wirklich nur einen sehr groben Überblick vermitteln. Da ist noch weitaus mehr, was Du erfahren solltest und dort auch erfahren wirst.“

„Mich dem Stamm anschließen.“

„Jupp.“

„Warum sollte ich? Warum gleitest Du plötzlich so sehr auf den Stamm ab?“

„Weil Du schon jetzt darauf brennst mehr zu erfahren. Du fühlst Dich besser in Deiner selbstbestimmten Zeit, besser als in der Zeit, die Du am Anschluss binden musst. Das ist Dir auch bewusst. Nicht jede Angeschlossene macht sich mit einer gescannten Fremdidentität im Interess und, ähm, einer Pumpgun im Rucksack auf den Weg, um ihren flüchtigen Liebhaber ausfindig zu machen, weil er ihr viertausend Bit schuldet, geschweige denn, würde sie diese Schaller auch tatsächlich benutzen. Kaum eine Angeschlossene wird überhaupt erst einen vollkommen Unbekannten ohne Interess und Anschluss bei sich wohnen lassen. Kaum eine Angeschlossene wird sich soweit von ihrem eigenen Turm entfernen. Noch weitere Gründe? Stell Dein Potential sinnvoll zur Verfügung. Jenseits einer Anschlussbindung. Stell sie dem Stamm zur Verfügung. Deine Entscheidung, Deine bewusste Entscheidung. – Ich kann Dich aber auch wieder in die Halle verabschieden.“

„Nett von Dir, wie leicht Du mir meine bewusste Entscheidung machst. Und ein interessantes Bild, das Du von mir zeichnest. Irritierend. Vielleicht hast Du mich schon damals manipuliert? Mehr erfahren klingt sicherlich gut. Das stimmt so. Selbstbestimmte Zeit ebenfalls. Halle eher weniger, sofern das dort noch kein Ende genommen hat. Da bin ich jetzt so oder so auf Dich angewiesen; und ich hoffe, Du scherzt. Aber kann ich all dem Glauben, was Du da beschrieben hast? Ich blicke da nicht vollständig durch. Ich meine, manches klingt durchaus plausibel, soweit ich es verstehe, beinahe so plausibel wie die Übermittlungen, andererseits, vielleicht stimmt mit Deinem Kopf irgendetwas nicht, vielleicht bist Du ein Abseitiger?“

„Kam ich Dir so vor in den letzten Monaten?“

„Manchmal?“

„Touché. Die sogenannten Abseitigen hatte ich ganz vergessen. Gut, dass Du sie noch einmal erwähnst. Ich, ein Abseitiger. Und das erzählst Du mir? Du, die Du behauptest, Dich verfolgten teuflische Gestalten, Du wärst in der Halle geschwebt, hättest in der Hallenwand ein riesiges Loch gesehen und eine Pumpgun im Rucksack? Weder mit, noch ohne Implantat, noch über

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 21

„Welche Relevanz hat etwas für dich, dass du nicht unmittelbar körperlich und unvermittelt mit allen Sinnen erlebst?“

„Die gleiche Relevanz, wie eine Simulation, die mich wahrnehmen lässt, was meine Sinne angeblich so nicht erleben?“

„Chapeau! Scheint, ich habe richtig gewählt. Der Stamm wartet.“

„Und der Stamm hätte also lieber wieder die konfliktreiche, verwirrende Simulation vor der Simulation? Was für ein elender Fuck.“

„Du überrascht mich. Macht Spaß. Abschaffen, das ist, was der Stamm erreichen will, genau das. PARK hingegen will die Simulation unter Kontrolle bringen. PARK hat auch kein Interesse daran, Implantate an die Angeschlossenen zu verteilen.“

„Hast Du nicht gesagt, die Implantate ermöglichen eine Kontrolle?“

„Korrekt, aber nicht die Art Kontrolle, die PARK beabsichtigt. Die Implantate ermöglichen eine individuelle Kontrolle. Du bestimmst, wie Du Deine Welt erfährst. PARK will zurück in die Zeit vor dem Brand, zurück zur globalen Kontrolle.“

„Wo ist da der Unterschied zur aktuellen Situation? So wie Du sie beschreibst, scheint die Simulation durch die G-Sporen schon einer globalen Kontrolle zu entsprechen.“

„Der Unterschied ist folgender. Die aktuelle Situation ist, nach allem was wir wissen, autonom. Die Kontrolle kommt aus der Vergangenheit, ist den G-Sporen immanent. PARK will die bewusste Kontrolle zurück erlangen. Die Kontrolle aller, durch auserwählte Einzelne.“

„Dann vielleicht doch besser ganz abschalten, so wie der Stamm das anstrebt? Oder aber alles so lassen wie es ist? Warum nicht? Wo ist eigentlich das Problem?“

„Das Problem? Das Problem ist das Problem potentieller Möglichkeiten. Das Problem ist immer das Problem potentieller Möglichkeiten. Neben anderen Problemen. Das ist das Problem. Im Augenblick scheint alles offen.

Teile des Stammes haben sogar noch weiter gehende Absichten. Die Anzahl der Menschen ohne Sporen hat zugenommen. Die Erforschung des Phänomens wurde weitergeführt. Diejenigen, die eine extreme Position im Stamm vertreten, sehen keine Alternative zur Auslöschung sowohl der G-Sporen, als auch der ursprünglichen Sporen, und sie gehören längst nicht mehr nur einer kleinen Minderheit an. Sie glauben, dass sich nur ganz ohne Sporen die vollständige Wirklichkeit offenbart. Vielleicht haben sie recht? Wissen wir wirklich, wussten wir jemals wirklich, welchen Effekt das hat, das was wir tun? Über unsere Wahrnehmung hinausreichend? In seiner ganzen Konsequenz? Sicher, fast alles was wir tun, führt zu wahrnehmbaren

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 20

„Auch dies wäre ohne G-Sporen nicht möglich.

Keine Ahnung, was Dein spezielles Erlebnis in der Halle betrifft. Geschossen hast Du tatsächlich. Warum eigentlich?“

„Ach, Rückstoß und so, ich dachte –, ne, Unsinn, irgendwas musste ich wohl tun. Vielleicht hoffte ich, der Schuss würde mich retten, aus dem Traum.“

„Typischer Schallerknall einer Mono jedenfalls. Und geschwebt hast Du nicht. Auch nicht die Patrone. Weil, da war keine Patrone. Nicht in meiner Wahrnehmung.“

„Ja eben. Müsste es nicht immer wieder Konflikte geben? Kann diese Simulation, können diese Nanoteile, können die das alles koordinieren, über alle Leute und Ereignisse hinweg, über die Zeit, widerspruchsfrei?“

„Anscheinend. Nein, ganz offensichtlich. Tatsächlich gibt es weitaus weniger Konflikte, als noch in der Zeit vor dem Brand. Wenn ich‘s recht überlege, gar keine. Und nicht nur keine globalen Konflikte – zumindest bis jetzt, sofern denn die aktuelle Situation überhaupt einen Konflikt darstellt. – Selbst aus den wenigen, erhaltenen Aufzeichnungen vor dem Brand wird dir klar, dass kein Tag verging, an dem nicht hunderte, tausende, millionen Dinge nicht so verliefen, wie erwartet. Da existierte, da existiert zweifellos immer noch, eine deutliche Unschärfe in der individuellen Wahrnehmung und Bewertung der Zusammenhänge. Zugegeben, heute leben deutlich weniger Menschen als vor dem Brand, und sie leben eine lückenlos durchorganisierte und kontrollierte Existenz.

Deine Sinne, deine Sinneswahrnehmung steht prinzipiell immer in korrekter Relation zur Wirklichkeit. Daraus erwächst sie. Da ist keine andere Möglichkeit. Je größer die Abweichung in den Relationen zur Wirklichkeit, desto weitgehender die Konsequenzen. Eine totale Dechiffrierung bedeutet jedoch andererseits Wirkungslosigkeit, totale Entropie. Diese Relation optimal zu dechiffrieren, das ist die Herausforderung. Man könnte meinen, die G-Sporen können das besser, als die ursprünglichen Sporen.“

„Ich verstehe zwar nicht alles was Du erzählst, Abweichung in den Relationen zur Wirklichkeit und so weiter, aber was ist mit den wiederkehrenden Abweichungen und Bränden der Sub? Den Vorfällen in den Kontakttheken? Das Organprogramm? Der Entzug der Verteilung? Die Bindung in den Anschluss?“

„Das ist Programm, exakt. Du weißt, wie die Menschen leben, denen ihr Zugang zur Verteilung entzogen wird?“

„Ohne Anschluss keine Bits und ohne Bits kein Anschluss.“

„Der alte Spruch. So sieht es aus. Die Sub. Apropos, Suzan ist ungebunden, ohne Anschluss. Sie ist eine Sub, allerdings aus eigener Entscheidung, selbstbestimmt. – Hast Du diese Abweichungen von denen Du sprichst, selbst miterlebt? Warst Du dabei? Nicht über Deinen Anschluss, nicht durch das Neurum, sondern leibhaftig, vor Ort?“

„Du kannst nicht alles leibhaftig erleben, dazu reicht deine Lebenszeit nicht aus. Du musst auch vertrauen auf das, was andere dir erzählen. Du musst auf den Anschluss und auf die Übermittlung vertrauen.“

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Der Wechsel – Blickwechsel – Starf + Silvie (Epilog Dialog) – 19

Die Angeschlossenen verschwinden darin? Oder ist das auch nur eine Halluzination? Was ist mit meinem Rucksack und der Pumpgun, was ist mit dem Schuss? Wie erkennst Du, ob die von Dir wahrgenommene Situation noch einen sinnvollen Bezug zur Wirklichkeit außerhalb der Simulation hat, sofern Du Dein Implantat nicht ‚machen‘ lässt? Du hast gesagt, meistens ‚ergibst‘ Du Dich der Simulation.“

„Du hörst mich nicht. Also nicht hier und jetzt. Dein Ohr, ja, sicher. Doch die Stimulation kommt nicht an ihr Ziel. Simulation, Stimulation – mein Gott. – Meine Stimme, die Stimme, die Du wahrnimmst, entsteht direkt in Deinem Kopf, ohne den Umweg über Deine Ohren. Der Unterschied wird Dir nicht bewusst. Das funktioniert so ähnlich wie die Übermittlung, doch die Ursache ist hier mein Implantat. Das bindet nicht nur meine G-Sporen, sondern auch die Anderer; deren Simulationsmodulation. Auf kurze Distanz jedenfalls. Das reine Erzählen reicht außerdem nicht, um einen fremden Einfluss dauerhaft zu binden. Die Simulation ist subtil. Das sagte ich schon. Sobald wir uns trennen, würde sie aufholen und rückmodulieren. Deine Erinnerung, oder die Bewertung Deiner Erinnerung, und somit auch Deine zukünftige Motivation, würden sich ändern. – Thema Heilsbringer, Thema Stamm: Seit dem Brand wurden keine neuen Implantate konstruiert. Was also verteilen? Das Wissen und die Möglichkeiten fehlten bis vor kurzem. Der Stamm steht erst jetzt unmittelbar davor, weitere, neue Implantate herzustellen. Aber warum sollte der gewöhnliche Angeschlossene ein Interesse an einem Implantat haben? – Sinn? Keine Ahnung. Welchen Sinn macht Wahrnehmung sowieso? Reine, unreflektierte Wahrnehmung beeinflusst Dein Handeln mehr als alles andere. Wenn ich Wahrnehmung sage, meine ich nicht Stimulans und Reaktion. Ich meine Qualia. Bewusstsein. – Dein Gepäck? Du trägst nen Halbpack und darin eine Monoschaller. Eine Pumpgun und dergleichen wirst Du nirgends mehr erhalten.“

„Ist ein Erbstück.“

„Von wem in aller Welt erbst du heutzutage eine Schaller, die dir noch dazu als Pumgun simuliert wird?“

„Meine Mutter besaß eine Sammlung historischer Waffen. Diese Pumpgun war schon immer eine Pumgun, hat nie jemand anders wahrgenommen.“

„Leben Deine Eltern?“

„Sie haben sich für den Versorgungstank entschieden, natürlich mit dauerhafter Anschlussbindung.“

„Und so hast Du noch Kontakt zu Ihnen? Du siehst sie häufig? Bist mit Ihnen unterwegs?“

„Sicher, durch den Anschluss.“

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