Die Zeitwaisen

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kakao schwimmer

stürmeerwischt in gepflügtenen eiligenheiten reigen wir uns von gegeneinanderer im zaum gehaltener hineingaben verschronnen vor dem kuntergrund trapetzerie wandelnder diesbezüge überfallenem jenseits vertrunken im partrickelndem seinschein splitterbuntem graureifs dich erspürend in pulserierenden gravuren deiner wunderwärmend lebendigen hand in hand über hand unter hand fest ineinander gleistend im ström regelent brassender witterwinderungen verschlungernder pfaden deiner stimme flauschig schwerenden samtfühlerungen gehörig - oh der umklang deiner stimme dieser stimme die mich sänftig herb fesselnd auflöst auflösend fesselt von moment zu moment von augenblick zu augenblick - der im widerstand meiner entschlossenen lippenhäute erregende andruck deiner prickelnde feuchte in meinen gemächtlich zöglichterloh nachgiebenden mund pressenden zunge nassrauhen lustfleisches kitzeln - dann die zeit die zeit die zeit die zeit in stillen gravuren deiner wundersam kühlenden hand verschollene gedanken an die geringerung der umhangenden zerrinnerung verrauntet im schlachentrief der gegebenenden unvergeblichtenen versinndet in dinglichtungen unendlichter ringschlüsse lichter dunklingenden - nein kein letztes mal der wärmende duft deiner weichenden nacken härchen

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pata-noster — die physikalität des fahrstuhls

ein auf- und abstück zu spielen in drei klingenen aufzügen

es treten auf:
dinge die zusammen kommen und zusammen gehören.
bambika, eine aus büchern und schöpfkellen gebildete frau
verfaultes rindsfleisch
fortgelaufener text
ein ausgebluteter
blasen

verehrte gekommenen, sehr verehrte herrschaften,
willkommen im pata paranoptikum. und nun bitte präfesenz!

es erscheinen die drammatiken der aufzüge in den aufzügen.

erste dramatik im ersten aufzug:
während der aufzug nach oben fährt,
fällt ein roter schuh konturlos vom nachthimmel nach unten.

erste dramatik im zweiten aufzug:
es kommt ein gekrönter kopf auf großem fuß daher.
der aufzug fährt nach oben.

erste dramatik im dritten aufzug:
in diesem aufzug,
der sich in para-lele zum ersten befindet,
ergreift ein kleinhungriger mit dünner haut
die flüsternde hand einer frau mit zeitung.
man nennt sie auch die zeitungsfrau und
alle zusammen: die „drei mit fisch“.
der sich in nachobenfahrigkeit befindliche
aufzug stockt und bleibt stehen.

zweite dramatik im ersten aufzug:
unter dem nachthimmel dreht sich ein sonniges reh
im karussel der rehe sogenannten bambikarussel.
auf dem rücken des sonnigen rehes sitzt
bambika und malt sich die lippen an.

zweite dramatik im zweiten aufzug:
der gekrönte kopf tanzt einen veitstanz

zweite dramatik im dritten aufzug:
die „drei mit fisch“ lieben sich.
im mittelpunkt eine dose mit namen.

dritte dramamtik im ersten aufzug:
der rehtäuscher erscheint.
bambika öffnet die lippen und spricht verschmachtend:
„bitte fühl mich wohl“. dann wirft sie sich ihm vor die füße
(schon wieder mal) und schmilzt dahin.

dritte dramatik im zweiten aufzug:
der gekrönte kopf tanzt noch immer.
jetzt aber salsa mit grünen und roten blasen.
roja und verde. eine sause beginnt.

dritte dramatik im dritten aufzug:
die „drei mit fisch“ spielen
vater, mutter, kind; das kind eine dosenlibelle.

vierte dramatik im ersten aufzug:
der rehtäuscher penetriert bambika mit einer pferdekerze während
bambika sich dabei am konturlosen roten schuh festhält,
nach oben schaut und sich ergötzt.
zum schluß kein erguss. ein zuschauer ruft empört:
schmäh, alles nur plastisch!!!!
der aufzug setzt sich in bewegung und fährt nach unten weg.

vierte dramatik im zweiten aufzug:
der gekrönte erliegt hingerissen seinen letzten zuckungen
und nagelt sich daraufhin selbst ans kreuz.
der aufzug setzt sich in bewegung und fährt nach unten weg.

vierte dramatik im dritten aufzug:
der kleinhungrige befindet, dass er doch etwas größeren hunger hat.
er schlachtet die zeitungsfrau und weidet sie gründlich aus.
ein penetranter geruch nach vergammeltem rindsfleisch
verbreitet sich, steigt in die nasen des publikums,
setzt sich dort fest und wandert weiter bis ins gehirne.
der aufzug setzt sich in bewegung und fährt nach unten weg.

ein duschvorhang fällt.

die vier apokalyptischen damen, aus der zucht und ordnung
der spring- und dressurreiterinnen, schreiten nach innen und singen:
„wir sind gekommen, das glück zu vertun.
wir, die unendlichseligen
paramell-bon-bon.“

und damit ihre großflächige fähigkeit zu dramatischem ausdruck
bei virtuos geführten coloratüren noch besser in erscheinung trete,
krakeelen sie:
„jubel bitte und applaus!“

Die Welt ist Bunt

Kunterbunt

in: Die Dinge die da sind — B2G Revolution Live

Xabu Iborian | Die Welt ist Bunt | Kunterbunt KommTier! | Auf | | |

in: Die Dinge die da sind — B2G Revolution Live

„Auf hohem ästhetischem und technischem Niveau, weltweit publiziertes, planvolles, buntes Kopfabhauen anders Denkender.
Auf weniger hohem ästhetischem und technischem Niveau weltweit publiziertes, planvolles, buntes Niederschießen anders Farbiger.

Medial wirksames, buntes, planvolles Abschlachten Hunderttausender.
Weniger medial wirksames, buntes, planvolles Aushungern Hunderttausender.

Bunte Apokalypsen, buntes Leben, aufbereitet wirrtuell und in echt, aufbereitet in echt und wirrtuell, für ein planvolles Wachstum und Degustieren der ungestillten, satten, sozial impotenten Kauf-und Überlebenseliten und der Massen planvolle Burnouts und Dropouts.

Eine bunte Welt, in der neben planvollen und gezüchteten Sekten und Fundamentalisten der heißen Gewalt und Ideologie, jene planvollen und gezüchteten Sekten und Fundamentalisten der kalten Gewalt und Ideologie, planvoll nicht als solche wahrgenommen werden.

Global agierende, planvoll steuernde, Legislative und Exekutive infiltrierende Konzernsekten, die auf Glockengeläut gleich angekündigten, pseudoreligiösen Massenevents, ihren gezüchtet hörigen Anhängern, veraltete, bunte, vielfältig einfältig nutzbare Funkapparaturen scheinheilig anpreisen.

In ihrer massiven Handhabung, Gebetsketten gleiche, mobile Hand-, Körper- und Geistlosschmeichler.
Mediale, vernetzte Gebetsschindeln und anderes, tragbares, devotionales Design, das all dies und mehr in Echtzeit visualisiert, kommuniziert, scheinbar spürbar macht und registriert.

Planvoll informiert, geschockt, gekauft und beobachtet in eine bunte, stets zuverlässig unsichere, planlos überfüllte, ummauerte Zukunft massenhaft Einzellener Anhänger, Abhänger und Aufhänger.

Eine kunterbunt überrollte, unbekannte Welt hilfloser Zauberlehrlinge.

Eine Welt, wie eh und je.“


Toi Toi Toi, „Die bunte Ästhetik von Sewastopol, IS, Ebola, et al.“, sua. 2063

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Ape Won – Alles ist Fremd – 10

„Auf Nimmerwiedersehen dann also.“

„Einen Rat noch. Achten Sie mehr auf die Dinge an sich, nicht so sehr auf deren Bezeichner.“

„Hatten Sie einen Philosophen zu viel heut Morgen?“

Augenzwinkernd hebt er die Hand leicht winkend zum Abschied, geht die Stufen bis zum ersten Absatz hinunter, und verschwindet in der Rundung hinter dem massiven Treppenhauskern. Mein Gesicht entspannt sich ein wenig, ich klopfe an Martins Tür und lausche auf Schritte. Nichts. Ich klopfe erneut. Nichts zu hören. Ein letztes Mal. Stille. Ich drehe mich um, überlege was ich tun soll, drehe mich zurück und klopfe doch noch einmal. Nichts. Ich klopfe. Nichts. Ich warte. Ich klopfe. Nichts. Ich überlege, entweder ist er nicht zu Hause – doch wo sollte er sein um diese Zeit – oder er leugnet das Klopfen. Vielleicht der Schock durch die morgendlichen Ereignisse, oder das schlechte Gewissen, mir diesen Typen hinterher geschickt zu haben. Das schlechte Gewissen nach einer Lüge. Sofern er ein Gewissen hat. Macht das Sinn? Er wird uns beobachtet haben, belauscht. Ich klopfe ein weiteres letztes Mal. Die Tür bleibt verschlossen. O.k., alles ist gut. Das wird sich klären. Mit der rechten Hand ziehe ich den Schlüsselbund aus der linken Gesäßtasche, die Finger finden den passenden Schlüssel und das Schloss. Doch ich kann die Tür nicht aufschließen, der Schlüssel lässt sich nicht drehen. Die Tür ist gar nicht abgeschlossen. Hatte ich vergessen die Tür abzuschließen? Unwahrscheinlich, aber möglich. Ich drücke die Klinke nach unten, die Tür nach innen, ziehe meine Schuhe aus und gehe hinein, drehe mich um, bücke mich, nehme die Schuhe auf, klappe die Tür zu, stelle die Schuhe auf die Schuhablage neben der Tür, wende mich wieder zurück zur Tür und schließe ab. In der Küche, auf dem Weg ins Arbeitszimmer, lege ich Portemonnaie, Schlüssel und Revolution auf den schwedischen Küchenwagen aus China. Ich gehe am Kühlschrank vorbei und habe Hunger. Nicht jetzt. Ein paar Schritte weiter, auf leicht knarrend federnden Dielen, quer durch ein anderes Zimmer, bleibe ich vor dem Schreibtisch stehen und rüttle an der Maus den Computer aus seiner Ohnmacht. Draußen scheint noch immer die Sonne, reflektiert von der Hauswand gegenüber, zwischen leuchtend grüne Blätter hindurch, hinein zum Fenster, hinein in das Zimmer. Ein Surren rechts hinter mir, hinter hellen, weißen Wänden. Ich lausche dem Surren und verharre. Lausche dem eindringlichen Surren. Janosh hat einen Schlüssel. Soll ich öffnen? Nichts bewegt mich. Ich erwarte niemanden. Surren steht für Werbemüll und die Paketlieferung an einen Nachbarn. Das wird aufhören, das Surren. Das Surren wird aufhören.

Ich setze mich auf die ergonomisch federnde schwarze Mechanik vor dem vierbeinig gespreizten Statum. Der Bildgeber, Gestennehmer, Vermittler zwischen einem hochentwickelten Zellklumpen und einer erwachenden, relativ komplexen Rechenmaschine – beide unter Spannung –, erreicht alsbald den Zustand vertrauten Leuchtens. Dem betörenden Leuchten der Sonne. Wo war ich, bevor ich diese Stätte verließ?

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Ape Won – Alles ist Fremd – 9

„Sie meinen die Androhung von Tod?“

„Die Mauer in unserem Kopf. Das gläserne Tabu, die Androhung, die Verheißung und die Verweigerung. Die Angst. Der Tod ist allgegenwärtig. Was sind wir anderes, als Waisen der Zeit. Ich muss Sie um Entschuldigung bitten. Nehmen Sie das nicht persönlich. Scheint heute wieder einer dieser Tage zu sein. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass es sich bei den Opfern nicht um Ihre Frau und Ihren Sohn handelt. Aber da sind andere, die ohne Zweifel Leid tragen werden. Das Problem lässt sich nicht prinzipiell leugnen.“

„Ihre Daten stimmen nicht. Wir sind nicht verheiratet. Tobias ist ihr Sohn. Das ist entweder ein schlechter Scherz oder ein böser Zufall.“

Das Tor der Einfahrt steht zur Hälfte offen, wie immer. Alles sieht aus wie immer. Wir gehen auf uneben verlegtem Pflasterstein an Mülltonnen vorbei, an Fenstern, einer Tür, den Weg nach hinten bis zum Hauseingang, und die sich nach oben verjüngende, abgenutzte Außentreppe vor dem Souterrain hinauf. Auf dem Grundstück des Nachbarn gegenüber hängt das vernachlässigte Baumhaus. Alles sieht aus wie immer. Ich schließe die Haustür auf und wir gehen weitere anderthalb, gewendelte Treppen, bis in den 1. Stock. Warum ist hier niemand?

„Wo sind Ihre Kollegen?“

„Wie ich schon sagte, das ist nicht meine Entscheidung.“

„Sie mögen diese Geräte ebenso wenig.“

„Wahrscheinlich nur der Akku entladen.“

Er greift in seine linke Hosentasche und zieht eine Karte heraus.

„Rufen Sie mich an, falls sie sich nicht melden sollten.“

Ich nehme die Karte und schiebe sie in meine rechte Hosentasche, ohne sie gelesen zu haben.

„Das ist alles sehr überraschend. Danke dennoch. Herr Martin wird mir hoffentlich mehr erzählen können.“

„Wahrscheinlich nicht. Er hat nur beobachtet, wie sie zusammen die Wohnung verließen. So zumindest seine Aussage.“

„Wann und wie die Frau und das Kind dorthin gekommen sind, hat er nicht gesehen?“

„Nein, erst später auf dem Weg zum Briefkasten, sah er die beiden im Flur liegen. Für den Fall, dass wir doch noch Fragen an Sie haben, bleiben Sie bitte die nächsten Tage in der Stadt. Das macht einen direkten Kontakt für Sie und auch für uns leichter. Ich hoffe jedoch ausdrücklich, Sie nicht wieder zu sehen.“

„Ich hatte nicht vor, die Stadt zu verlassen.“

Er lächelt. Ich lächele zurück. Reflex.

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Ape Won – Alles ist Fremd – 6

„Gewiss. Innerhalb der nächsten Minute wird einer von uns beiden diese Pistole benutzen.“

„Weil Krieg ist.“

„Krieg ist immer auf die eine oder andere Art und Weise.“

„Nein, Krieg hat immer einen Grund. Ich sehe keinen Grund, warum ich diese Waffe benutzen sollte, oder warum Sie dies tun sollten.“

„Weil Sie mich nicht kennen, weil Ihnen die Situation nicht vertraut ist, weil da kein Bezug ist.“

„Das ist absurd. Sie werden nicht vor all den Leuten auf mich schießen, nur um Ihrem Krieg etwas Fleisch zu geben. Das nimmt Ihnen niemand ab. Die werden sie wegschließen.“

„Das ist zwangsläufig unser Krieg hier draußen, und das mag so sein, wie Sie sagen, würde für Sie aber auch zwangsläufig ohne weitere Konsequenz sein, nicht wahr?“

„Vielleicht wären wir besser drinnen geblieben. Vielleicht hatten Sie bereits ausreichend Sonne. High Noon, hm? Der Sieger macht sich zum Affen? Ich bitte Sie. Das Ding ist doch gar nicht geladen.“

„Leugnen hilft Ihnen nicht. Von der Ebene der Affen haben wir uns vor langer Zeit entfernt. Doch in welche Richtung?“

Die Bedienung bringt die bestellten Getränke, ein weißes Service mit im Sonnenlicht funkelndem Teelöffel auf einem schwarzen, runden Tablett, und stellt sie vor uns auf diese blendend weiße, runde Tischdecke. Seine linke Hand fasst den Henkel der im Gegenlicht gleißenden Tasse und hebt sie elegant und geräuschlos von der Untertasse. Das ist wundervoll. Glocken beginnen in der Ferne zu läuten.

„Vorsicht, verbrennen Sie sich nicht. Ich hatte noch nie eine Waffe in der Hand, auch keinen Waffenschein.“

Langsam führt er die Tasse zum Mund, an seine offenen Lippen, trinkt einen Schluck, setzt sie ebenso langsam wieder auf der Untertasse ab und lässt los. Warum beeindruckt mich dies alles so sehr, diese perfekten Bewegungen, dieses plötzlich so vertraute, so anziehende Gesicht. Er schnellt nach vorne, der Teelöffel rutscht beiseite, Metall klingt auf Porzellan, er langt zur Pistole und zielt auf mich. Überflüssigerweise schrecke ich zurück.

„Das erste Mal lässt sich nur schwer vermeiden. Probieren Sie.“

„Nicht Ihr ernst, oder?“

Ohne den Blick von ihm zu wenden, strecke ich meinen rechten Arm zögerlich über den Tisch, umfasse den glatten, kühlenden Griff und ziehe die Waffe vorsichtig aus seiner Hand. Nicht nur seine Füße sind erregend. Unverständlicherweise ist meinen Fingern die Waffe vertraut. Ich verliere mich in seinen Augen. Stechender Sonnenschein kitzelt trocken duftend in meiner Nase. Die Glocken scheinen näher zu kommen, ich spüre ihr Vibrieren in meiner Hand, in meinem Arm.

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Ape Won – Alles ist Fremd – 5

Weit über unseren Köpfen verfängt sich das grelle Licht der Sonne bei 32K im Grün dichten Blätterwerks. Mit dem was übrig bleibt, malt sie in 2880 dpi impressionistisch flimmernde Lichtflecken auf die Pflastersteine des Weges. Zu unserer Linken abgestellt, vermeintliche Selbsts der Aufbewahrten, Raum bildend, so wie zu unserer Rechten die Gitter und Mauern vor ihren Schutzstätten. Unsichtbare Vögel zwitschern fröhlich in THX zertifiziertem DTS Surround Original Sound. Hin und wieder, Schritt für Schritt, blickt Herr „Draußen ist Krieg“ nervös um sich. Die Anspannung in den Wangen schmerzt. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

Auf der zur Straße gelegenen Terrasse nehmen wir Platz. Ein runder Tisch zwischen uns. Ich sitze mit dem Rücken zum Kaffee, er mir gegenüber. Hinter ihm der leere Gehweg, die Fahrstraße und der voll geparkte Marktplatz, an dem entlang die Hauptverkehrsstraße samt Verkehr in einer Kurve unter die S-Bahn Brücke taucht. Keine Bäume hier. Reinstes Blau spannt tief hoch oben. Die Dinge um uns herum scheinen überbelichtet; die Dinge, die da sind. Ein Ober kommt an den Tisch. Mit halb zugekniffenem linken Auge blicke ich ihn an und bestelle einen Cappuccino, der Fremde einen Kaffee, schwarz, ohne Zucker. Das Weiß der Decke erblindet mich beinahe.

„Sie irren sich offensichtlich. Sehen Sie?

„Des Sonnenschein trügerisches Blenden mag sie von Zeit zu Zeit erblinden.“

„Ach kommen Sie, genießen Sie ihren Kaffee, das angenehme Wetter und den Frieden.“

„Ihr Blickwinkel ist sehr eingeschränkt.“

„Na Sie reden doch die ganze Zeit nur vom Krieg. Ist Ihnen nicht furchtbar warm in dem Anzug?“

„Jetzt wo Sie das sagen, ja.“

Er knöpft mit der rechten Hand sein Sakko auf, greift unter die linke Seite, holt die Hand wieder hervor, legt sie auf den Tisch und zieht sie langsam zurück. Die Waffe bleibt liegen.

„Sind Sie irre? Warum haben Sie eine Pistole?“

„Sprache ist oft eigenartig, eigenartige Zufälle, Kombinationen von Buchstaben. Schauen Sie, zum Beispiel das Wort Waffe. Es enthält das Wort Affe. Der englische Begriff ebenso, wenn auch nicht so offensichtlich. Wundersamer Weise lässt sich aus den Buchstaben sogar ein sinnvolle Wortfolge kombinieren. Ape won.“

„Toll. Spätesten im Französischen scheitert ihr Wortspiel.“

„Das ist nicht von Bedeutung.“

„Haben Sie einen Waffenschein?“

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Ape Won – Alles ist Fremd – 4

Schweißtropfen auf seiner Stirn glitzern im streifenden Licht der Sonne, das aus dem Schlafraum durch einen Türspalt scheint.

„Ja was? Nun sind Sie ja doch herein gekommen.“

„Ich war ungeduldig und erinnerte mich. Für einen Moment hatte ich vergessen. Ich kam von draußen zu Ihnen, aus der Sonne. Draußen ist Krieg.“

„Und ich hatte gehofft, das hätten wir geklärt. Deshalb wollten wir doch wieder raus, damit Sie sehen: da ist kein Krieg.“

„Sie glauben mir nicht.“

„Das hat wenig mit Glauben zu tun.“

„Da haben Sie Recht. Genau aus diesem Grund sollten wir nicht hinaus gehen. Das wäre heute das dritte Mal.“

„Das dritte Mal. Sie haben vor mir schon bei drei anderen geklopft? Oder waren Sie heute drei mal draußen ... trotz Krieg.“

„Das ist schwer zu sagen. Drei, vielleicht waren es auch vier oder sechs.“

„Sie machen eine kleine Rundtour, hm? Haben sie denen auch erzählt, draußen sei Krieg?“

„Das war mein Anliegen, doch ich kam zu spät.“

„Querschläger, nehme ich an.“

„Das wäre eine Möglichkeit.“

„Mein guter Mann, Sie haben ein Problem.“

„Das ist nicht meine Entscheidung. Wir haben beide ein Problem. Draußen ist Krieg.“

Ich greife das Revolution aus meiner Hosentasche, streichele es wach und hohle die aktuellen Nachrichten nach vorne.

„Schauen Sie, wäre draußen Krieg, warum wird das hier nirgendwo erwähnt? Wäre eine unschlagbare Schlagzeile!“

„Sie vertrauen den Bildern dieser Maschine, mir aber vertrauen Sie nicht? Erscheint Ihnen dies nicht bizarr?“

„Erfahrung. Sie kenne ich nicht. Aber wir können ebenso gut aus dem Fenster gucken, oder besser noch, ganz direkt und wie verabredet, hinaus gehen, zum Cafe am Ende der Straße schlendern. Ich lade Sie ein. Was halten Sie davon?“

„Sie denken, diesen Datenschwarm einschätzen zu können? Aus Erfahrung? Wie lange leben Sie schon? – Sie sollten besser nicht zum Fenster hinaus sehen.“

„Die Querschläger.“

„Unter Anderem.“

„War klar. Da fällt mir ein, das muss der Bezug sein von dem Sie sprachen. Ich schaute aus dem Fenster, kurz bevor ich ihr Klopfen wahrnahm.“

„Erstaunlich, dass Sie sich das gemerkt haben.“

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Ape Won – Alles ist Fremd

An zwei Monitoren vorbei blicke ich auf das alte Kastenfenster und seine zwei Glasscheiben. In der unsichtbaren Sommersonne angenehm leuchtend grüne, stumme Blätter, lassen meinen Blick verharren bis ihr Abbild beginnt zu solarisieren. Eine erfrischende Ahnung von klarem, blauem Himmel. Stille. Windstille. Nordseite. In der Wohnung gegenüber läuft, wie so oft, ein Zeichentrickfilm. Die Zeitanzeige, links unten auf dem rechten Monitor, 11:21. Ich bin ein Kind der Sonne. Sonnenschein macht mich glücklich, wahnsinnig glücklich. Auch damals, zu Fuß die Ngong Road entlang, in heißes Feucht getaucht, kurz vor dem Ertrinken in dieser scheinbar stagnierenden Wärmeflut, hatte ich keinen Hass auf die Sonne. Im Gegenteil. Sterben mit der Sonne glühenden Wärme auf meiner Haut, muss eine angenehme Art und Weise sein das Licht auszuschalten.

Klopfen im Hintergrund. An der Tür? Ja, muss die Tür sein. Klopfen an der Tür. Aber wer oder was klopft , und warum? Ich erwarte nichts und niemanden. Klopfen. In beinahe regelmäßigem Abstand nun. Klopf, klopf, klopf. Ob das mal aufhört? Warum klopfen und nicht klingeln? Ein Zwerg? Gut, ich schnappe mir die weiße Fahne, schiebe die Maus nach vorne, stehe auf, gehe durchs Zimmer, die Küche - ein paar Kinder spielen kichernd mit dem Fußball auf dem Parkplatz zwischen den Häusern -, in den Flur. Da klopft wirklich jemand auf die Wohnungstür. Vor dem Spion steht ein großer Mann mit dunklem Gesicht, Nickelbrille, kurzem, graumeliertem Vollbart und noch kürzeren blonden Haaren. Er trägt einen schwarzen Anzug mit makellos weißem Hemd unter dem Sakko und einen hell rosa Schlips. Sein Anblick fasziniert mich. Ich drücke den Riegel aus der Falle, ein Knall auf Metall, und öffne vorsichtig die Tür. Wir schauen uns in die Augen. Meine schweifen kurz ab. Nackte, umwerfend schöne Füße. Ein wohliges Gefühl schwärmt in meinen Kopf.

„Draußen ist Krieg!“

„Was? Wovon reden Sie?“

„Lesen Sie keine Zeitung? Fernseher, Radio, Internet?“

„Letzteres. Draußen ist kein Krieg.“

„Woher wissen Sie das?“

„Nicht aus der Zeitung.“

„Das sagten Sie bereits.“

„Also …“

„Unschuldige Menschen sterben.“

„Machte das einen Unterschied, Schuld oder Unschuld?“

„Nehmen Sie Passagierflugzeuge. Hunderte unschuldige Menschen, die nichts ahnend umher fliegen, stürzen vom Himmel.“

„Von wem sonst. Nichts ahnend? O.k., aber woher wissen Sie, dass die alle unschuldig sind? – Diesen Krieg meinen Sie. Die Ukraine.“

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