Die Zeitwaisen

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blatt 2

in: fogelprotokolle — Blatt 2
Absurdes, Alles und Nichts …

seidengerüschtes auf geneigten ebenen.
die verbeugung des herrn rollt bis auf den boden,
schlägt auf und trollt sich;
rollt davon und hinterläszt eine spur rot.
seidenströme - als er den kopf verlor.

am abend hatte er schwarz auf weisz gesetzt.
hatte ein gerüst gebaut zum erklettern der stunde
und wollte auf sterne warten, dreistundenschlaf.
nach dem erscheinen der morgensonne war er ganz golden
und sagte: o und a.

fogelvokale also. ao ao, sahneschokolade und kakao.

dann stürzte er sich nach unten und zerstob zu tausend sternen,
gieszkanne der offenbarung,
gerad in die schürze der frau (seidengerüschtes aufgeneigt),
die davon schwanger wurde und einen fogel gebar.

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blatt neun: stein

in: fogelprotokolle — Blatt 9
Absurdes, Alles und Nichts …

am abend klappt der fogel den schlafsteg auseinander und legt sich darunter.
nachts zählt er die schritte der über den steg hinwegschreitenden,
lauscht ihren gesprächen und schläft am morgen wieder ein.
zu mittag erhebt er sich, klappt den steg zusammen und schreibt darauf ein wort:
dramaturgiegestein.

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tapire

in: the daily horror — Szene 56
Alles und Nichts …

man könnte auch sagen: butterblum, zwitterblum, wenn man so sitzt,
inmitten seiner bücherberge wie eine insel von gras umschlossen
und in der hand die schale voll blumentee; wie eine geisha,
buntbekimonot, an seidenfäden das härz gehänkt und der ausdruck
der puppe gegenüber so dem eigenen entspricht, dem eigenen ausdruck,
der eigenen haltung, sprachlos, stumm, nichts. verpupptes spiegelbild
oder spiegelbild verpuppt.

sitzen im zittergras. welch ein bild der ängstlichkeit.
mach ein foto davon. stetiger wechsel zwischen an und aus ...
ziehen, auch im kopf, an-aus-an-aus ... bei welchem zustand
wird wohl stehengeblieben? aus, verbraucht - am wenigsten energie.

mir tränen die augen in dem ganzen blätterhaufen, hafen auch.
ich wünschte, alle wären vom winde verweht, es ersparte mir viel,
auch mühe zu ordnen, doch ich ordne sowieso nichts, wozu auch.
wenigstens gibt es hier keinen gitterzaun. ich sauge die luft
ein und stoße sie aus. denke: der mensch als fortbewegungsmittel.
und: welches zeug! inmitten der pflanzen.

stille sinn thesen, durch addition und subtraktion, eliminierung,
omnipotese; konditionierung. oh, zarthaariger kelch ! wo bist du
verblieben? wächst du nun nur noch unter'm fernen getreide?
schauer laufen still den rücken hinunter. mir gruselt vor den ganzen,
weißen papieren und den kritzeln darauf.

ach du schöne poesie, du bunter fogel mit den weißen flügeln,
kreidebleich. so rot die strümpfe, so ohne schuh, schuhkäfige
sagte eine dazu, para-day. da kannst du vieles denken, wissen
schafft kunst, dann wieder: wie die pflanzen sich verrenken !
auch: einander zu. ein tausendmaliges verbäugen, stilles verehren
und preisen. ein gegenseitiges erheben, so heiß, so viel glut.

ein schmetterling paart sich mit blum und beflügelt den fogel
der nichts davon weiß, nicht weiß, wie ihm geschieht. ich nehme
mir vor, nicht zu versinken in den vielen papieren, ein fast un-
möglicher vorsatz. schreibe dann: was sind wir doch für seltsame
gefäße, behausungen, bauwagen.

aufgestichelt das stichwort in relevanz zum naheliegenden gegenüber
tanzen tanzen tanz, stanz. steht still nicht, loses werk, zeug,
flick, blatt ... brrrr-uch auch brrr-auch stück, von dir stückchen.
schon wieder hungrig nach flugigen tagen, puppenverpuppung, unpuppe,
die aufgetürmten nester, die entschwärzten pupillen, die kugelaugen,
das rothaar schon zu orange.

dieses gespringe, gesprinkel, gespreize.
wolkenfette abgemolken. es regnet keine milch heute, auch keinen honig,
ich spüre wie die verseuchung nicht nachläßt und rauche trotzdem zuviel,
flick-flack der gefühle. es stürmt immer noch, dieses leben, voran !
vorwärts ! unsicher trotz der langen beine oder gerade wohl deswegen.
stürze - einprogrammiert, fallen - einstudiert. ich will nicht sein
gewesen! er ist ein wandertier ! ein hirt, ein hirsch, ein wundertier.

sein hirschschrei, sticht mir brünstig ins eingeweide. süßholzlippeln,
pappeln wie espenlaub, mundtaub vom vielen küssen. innig die wände aus
zuckerguss in der kussgießerei und ein strömendes zerfließen. augenlos.
endgültig ist nichts. flucht von den plätzen ist logische antwort. obwohl,
er gestaltet die luft mir mehr als zur genüge und mehr als reichlich ...

trotzdem. diese lebendige form der leere bleibt, ist wie ein film,
endlos sieben mal centimeter drei, es wachsen meine papiere zu
skulpturen sich aus wie unser im sturm zerrissenes gekleide. weiße
blätter vor dunklen wänden, dunkle blätter in weißen händen. all
unsere finger schoben sich kritzel zu- und ineinander, ohne zu enden.

es müßte da ja etwas sein woran ich erkenne eine abwesenheit und wann
weiß ich, daß etwas fehlt? dabei ist sie schon längst vorhanden, die
erkenntnis: es kommt bei allem nichts raus. ich mag es, wenn die
papiere fliegen. innen nach außen, außen nach innen. verpuppte zustände
und darunter mein alpwissen, von dem, wie es wirklich ist.

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sand

in: the daily horror — Szene 87
Alles und Nichts …
Absurdes Theaterstück

mundsandsteine
sandsteinzüge
steinzugleine
abgetriebe

alles nur ab-sätze.
den mund voller entsätzen
und es nicht loswerden
können aus unfähigkeit.

bis auf's a heruntergebrochen
jedes und nicht ausgesprochen
sprachlos sein.

alles ... zersetzen.

zersätzungen auch
des eigenen, unmöglich es
und nicht dazu finden, zum
säubern des mundes ...

voll bis zum kragen mit
abgeplatztem. brüche, stuck.
stuckbrüche, spucksprüche,
denk-flüch-te.

und immer noch nicht
tief genug -
gegraben.
im graben der eigenen
ohnmächtigkeit NICHTS
sagen.

schweigungen. aus-
schweigungen meiner
verschwiegenen aus-
schweifungen.

aus allen vergangenen tagen,
jahren, JA ! hren. renne !
zügellose zeitlosigkeit und
umgekehrt.

was wollte ich sagen?

sprachgesetz gelöscht.

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blatt 10

in: fogelprotokolle — Blatt 10
Absurdes, Alles und Nichts …
Absurdes Theaterstück

unter feststehendem himmel fliegen die landschaften vorüber wie augenblicke.
eine dame mit pfauenaugen sieht aus dem fenster und fängt einen besonderen fisch.
der hat nachtaugen und schaut so, als ob der regen ihn zur ruhe zwang.
die dame spricht: das regentropfen unter festgezurrtem himmel, feststehend wie unveränderlich.

fogelschwärme am morgen, fogelschwärme am abend.

ein mann hält die hand auf, er schläft.
dann wacht er auf, in einer sprachlosen öde und niemand weiß, warum.
nur er. und fühlt sich so unflüchtig. und zu spät.
dann hängt er viele sonnen auf, die ganz rund tun und von der trauer träumen.
der mann geht.
____________________________________
stundenlange fogelstange
ein fall aus dem fährtenbuch des lockfogels

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der die das - hanglos zu summen

einflüsterungen der zungenfertigkeit, gemessen am tagesumsatz der fertilität

erster Gesang

in: Alles und Nichts …, Zeitreise
Absurdes Theaterstück

1. bodendecker für problemzonen beim klieben (spalten) oder wie ölig sind die triebe (konfetti)

horst ist tot. sein verstand ist vom bauen gewachst. er war eine reine eigennutzung
und sowieso nur für die dielen gemacht. als bodendecker gibt er nun eine schöne unterlage beim vorspiel.
tamara, die nach birnen riecht, nennt ihn zärtlich ihren lyrischen efeu.
im finale einer befreundet klingenden dreierschwingung entscheidet sie sich dann jedoch
für das holzbein der rückfettenden fichte.

prall gefüllt mit samen, deren herkunft sie nicht mehr erinnern kann,
erkennt sie sich im spiegel als ölige marinde. hastig entledigt sie sich
des inhaltes und beseitigt diesen, indem sie ihn gierig verschlingt.
mit der pulpa ihrer schleimigen hülse schminkt sie sich lippen
und spitzen der brüste zimthymanisch.

dann setzt sie sich, eingehüllt in einen täuschend schönen mantel aus
horsts rückenhaut an den rand der konferenzdenker.
dort verstärkt sie von nun an regelmäszig die kliebe
der ölerten triebe. sie nennt sich nun tamariske
und strebt eine heirat mit dem fettigen marilke an.


2. das tier mit dem mehlfusz macht sich auf den weg,
um mit dem wort bestäuben im sinn die wiesen und deren blumen
zu beglücken bis tief in die wurzeln. unterwegs verliert es ein s .


3. der engel, der sich als fahrstuhlt betätigt, ächzt unter der last der menschlichen gewichte.
still seufzt und flüstert er immer wieder: du weiszt nichts, du weiszt nichts.


4. der assistent des hechtes
schlosz phorsorglich das pherhältnis zu seinen sachen ab,
bephor er sich dem im trüben fischenden wisser hingab.


5. das huhn hilda spricht:
fortwendigerweise verstellseiten sich
die entschriftungen versprechmäntelnder akte
als zeigwürdigkeiten einseitiger anschauungen.


6. die flügelrose gürtet sich und steigt auf.
sie legt sich um den mann wie die kaumillen
des härzens am gehüteten windschlag.
der mann verzweifelt daran und bringt sich endlich um.

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aufschlag

in: the daily horror — Szene 91
Alles und Nichts …

am abend rutschen die gedärme an den wänden hinunter.
in den ecken sammelt sich verwirrung, verzweigt sich,
breitet sich aus, steigt empor. aus schmalen spalten tropft
gilb, hirnmasse. eine stirn öffnet sich und läßt einen gedanken
frei. dieser gedanke fällt wie ein knetklumpen auf bodenbretter.
irgend einer tritt ihn fest, geht danach zur seite, schlägt seinen kopf
an der kalkweißen wand auf wie ein ei und erzeugt ein krachendes
geräusch. haare und splitter an der wand.
das gilbe tritt hervor, rinnt ein kleines stück herab, bleibt kleben.
das rote fließt ungehindert zu boden, hinein in die herab gerutschten
gedärme die inzwischen einen see gebildet haben, in dem es mächtig
schlingert. die graue farbe der gedärme vermischt sich mit dem roten
zu einem prächtigen farbton von fauligem fleisch. ein fulminanter verlauf.

die gäste sitzen geruhsam in den stühlen und stieren vor sich hin.

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die optik des schauers oder wie das lot fällt

in: fogelprotokolle — Blatt 11
Absurdes, Alles und Nichts …
Absurdes Theaterstück

die optik des schauers oder wie das lot fällt

der mann hängt seinen traum zum trocknen auf,
filtriert die sonnenstrahlen und mißt mit
hinreichender genauigkeit, wie die schnüre
senkrecht in den himmel wachsen
während sich die lerchen durstig erheben.

verse spannend beobachtet er mit astronomischen augen
die achsen seiner lageverschiebung zwischen drei
glasspiegeleien und tabuliert,
aus welcher lücke quergestreifter durchbrochenheiten
er sich wohl selbst am nächsten kommt.

als er im letzten spiegel sein vergangenes ich erblickt,
kommt er aus dem takt und verirrt sich in den gereimten
zugängen einer verwirrten passage.

lautschreibend konstatiert er lose:
wie meine seele im himmel hängt!
ich bin das durcheinander der dinge,
gebügelt in falten, in den falten
aufgeworfener hügel eines himmels.

danach schreitet er im stundenwinkel die zeit ab,
nimmt seinen traum von der leine und schickt ihn
den lerchen hinterher, damit diese ihn
in alle windrichtungen davontragen.

nördlich geht er noch einmal den kalender durch
und friert seine gedanken an ein dreiecksverhätnis ein.

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ich-spiele

in: the daily horror — Szene 102
Alles und Nichts …
Absurdes Theaterstück

noch sitz ich mich ausbrütend mich
aussitzend in schwitzperlen unterm
hölzernen das deutsame gefieder
ausgebreitet weit nach allen seiten
geöffnet und das gedächtnis forscht
zwischen den kleinen betrogenheiten
firnis riechend auch wie belesen
das auge ist und wie verschlingend
da ich mich doch aufpfropfe nach dem
geopfere und überhänge, mit den
verbrennungen als markierzeichen.

die füße wie (zwei) kleine kinder müde
vom spiel im spiel übereinanderfallend
einander überfallend miteinander spielend
auch sich etwas vorspielend, etwas nur,
ein wenig auch wie gefaltet, lachsam,
haarlos und mundlos gepflügt wie das
verlorene tonlos überschlagen überworfen
einander übergeworfen wie zueinander verholfen
sind sie unbeholfen verdorben, die vertrockneten
füße aufgesprungen auf haselruten, reusengedörrt.

aus den fingern wächst es mir rinnt das
grannengesicht ganz von selbst zu boden
in ständigem geriesel sitz ich und lass mich
kleine prinzessin an fadenverkörperungen,
diesen brüchigen haarknoten in mich selbst hinab
in diese tiefe, in diese wirrnis, unterste wirrnis
hinauslauschend und selbsthörend wie unwillkommen
ich doch bin, vollkommen dort, den eigenen mund
im ohr und haar um haar fällt zu boden - golden;
mir entgeht nichts.

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besinnung

in: Alles und Nichts …

still. hörst du wie die haare brechen?
wie fädchen. dünn sind sie und ganz hin-
durchsehbar, so durchschaubar bis auf die
haut, kopfhaut, die auch so dünn ist wie
pergamentpapier. alles ist so vollkommen
durchschaubar, bis in das gerüst der nerven
hinein. und dort befindet sich jegliches wie
aus schnittmusterbögen ausgeschnitten,
die ganze hausung, die wand, die tür.

die liebenden verharren in ihrer position,
das innerste den ansichten völlig freigegeben.
aus seltsamen engen kamen sie einst gekrochen,
waren durchscheinende gefäße. nun wird von ihnen
gesprochen werden ... als ... von den erstarrten,
da sich die hitze der begegnung wandelte in kühle
aus dem verlust der mitte.

besinnungslosigkeit.

ein großer grauer fisch fliegt vorbei, in seinem
schlepptau eine barkarole, körper und gegenkörper
im spiegelbild. im halben schauen erkennst du ein
verlorenes augenmaß, ein gespür, eine geste, ja,
sogar einen abgespaltenen sinn. sie alle haben sich
verschlungen und sind lange gefallen. die dauer des
fallens aber kennst du nicht, da du stehst, auf dem
unschuldsfuß im rosenfarbenen nebel.

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parkende hunde – nacht

nachts parken hunde die stehenden ruten
aufgepflanzt wie ein schieszgewehr,
nachts verfallen die blumen des guten
überfahren vom groszen ersatzverkehr.

nachts pflanzen schatten bleiche gewächse
und andere blumen pflanzen sich fort,
nachts laben sich beile und wildernde äxte
in warmen kaldaunen am fremden ort.

nachts greifen hände verdunkelt zum eisen,
nachts werden kinder zu rauh gereift,
nachts beginnen die dinge zu reisen –
nachts gehen hunde wie fahnen vorbei.

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